Michael Thomas, 30.01.02
Weggehen, im schlimmsten Fall durch äußere Umstände erzwungen, im glücklichen aus einem freiwilligen Antrieb heraus, ist zumeist ein schmerzhafter Prozeß: Ein Abschied vom Gewohnten, um auf etwas Neues zuzugehen. War dieses Unbekannte zuvor noch unbestimmt, wird man sich - erst einmal in der Fremde angelangt - schon irgendwie mit den neuen Gegebenheiten arrangieren können und auseinandersetzen müssen. Und so verläßt man bei diesem immer auch biografischen Neustart zumeist nicht nur die Dagebliebenen, sondern läßt in der Regel stets auch einen Teil seines eigenen Selbst zurück.
Während dort, wo für manch einen das Abenteuer auf Camel Trophy Tours erst richtig losgeht, wo andere wiederum aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, gilt den Bewohnern eines als 'global' fabulisierten Dorfes etwa ein Auslandsstudium oder alternativ der Trip nach Indien als ein ebenso einschneidender wie zwingend erforderlicher Karrieresprung und Inspirationskick, der entsprechend als bedeutender Wendepunkt im persönlichen Curriculum Vitae verbucht wird. Oftmals vernachlässigt wird dabei die Tatsache, daß dieser vermeintlich individualistische Fortbewegungsdrang längst als Teil des globalökonomischen Prinzips 'mehr Mobilität und Flexibilität' verinnerlicht wurde. Das Where do you want to go today wird hier nicht mehr als freundlich entgegenkommende Frage formuliert, sondern ist längst Teil einer und Imperativ der Jugendbewegung.
Wie problematisch sich ein Weggehen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext erweisen kann, zeigte jüngst das Beispiel des US-Amerikaners John Walker, der im vergangenen Dezember zusammen mit anderen Talibankämpfern von den amerikanischen Truppen beim militärischen Einsatz in Afghanistan aufgegriffen wurde. Aufgewachsen in einem wohlhabenden, religiös toleranten Elternhaus - der Vater Katholik, die Mutter buddhistischen Glaubens - in der Nähe von San Francisco, konvertiert der Teenager Walker nach der Lektüre des radikalen amerikanischen Schwarzenführers Malcolm X zum Islam. Mit 18 beschließt er im Jemen Arabisch zu studieren, reist dann nach Pakistan, wo er schließlich in den Bergen in die Nähe der Taliban gerät. Was den inzwischen 20jährigen dazu bewegt, offensichtlich eine Ausbildung in den terroristischen Zentren der Al-Quaida zu durchlaufen, ist derzeit noch unklar.
Ebenso, inwieweit Walker tatsächlich an terroristischen Einsätzen beteiligt war. In der Berichterstattung der US-amerikanischen Medienöffentlichkeit steht jedoch bereits jetzt schon allem Anschein nach das Urteil fest, betrachtet doch etwa die sonst als liberal geltende New Yorker Times Walker bei seiner Rückführung in die Vereinigten Staaten nicht mehr als verlorenen Sohn, sondern als Verräter und Staatsfeind.
Allein vor diesem Hintergrund erhält das Aufbrechen aus den bestehenden gewohnten Verhältnissen eine brisante Wendung. Der Neuorientierung im noch Unbekannten steht das zwangsläufige Zurücklassen des Alten, schon Bekannten gegenüber, das entsprechend sanktioniert wird: Das bereits unter Freunden, die man in der Heimat zurückgelassen hat, scherzhaft apostrophierte 'Aus den Augen, aus dem Sinn' wird im Extremfall als Verrat an der gemeinsamen Geschichte ausgelegt.
Auch der Titel der Ausstellung Get out! An exhibition on the subject of going away, die Anfang diesen Jahres in der Galeria Arsenal in Bialystok von Søren Grammel konzipiert wurde, formuliert Weggehen als eine zutiefst ambivalente Aktivität - läßt sich jenes "Raus hier!" doch je nachdem, wer es einem gegenüber ausruft oder gar entgegenbrüllt, ebenso positiv wie negativ auslegen. Doch wie merkwürdig muß einem ein fremdes Land erscheinen, dessen Einwohner einer Sprach- und Bildwelt gegenüber stehen, die sie selbst kaum verstehen?
So läßt etwa die Finnin Laura Horelli japanische Darsteller englischsprachige Slogans, mit der westlich angehauchte Alltags- und Lifestyleprodukte in Japan umworben werden, bei der Büroarbeit oder daheim im Badezimmer aufsagen. Interessant ist dabei eigentlich weniger, wie uns hier in einer Art Soap Opera eine letztlich völlig sinnentleerte, austauschbare Warenwelt vor Augen geführt wird. Vielmehr treffen in Horellis Japanese English Advertising Slogans (2002) die Blicke von West nach Ost und von Ost nach West auf das vermeintlich exotische Andere wieder einmal entlarvend aufeinander.
Daß der Blick auf das Andere für den Beobachteten von innen her betrachtet zumeist selbst banal erscheint, thematisiert auch der in China geborene und in Wien aufgewachsene Jun Yang. Während die Bildebene seiner Videoarbeit Coming Home (2001) Ausschnitte aus Hollywoodfilmen zeigt, die in asiatischen Restaurants spielen, beschreibt Jun Yang im Off-Kommentar das Chinarestaurant seiner Eltern in Wien als einen Ort der ewig Gleichen. Als halb öffentlicher, halb privater Lebensraum verliert dieser soziale Mittelpunkt der Familie im Alltäglichen seine 'exotische' Attraktivität, die den westlichen Blick von Außen faszinieren mag.
Das längst bekannte Angebot asiatischer Gerichte wird zur Menüauswahl der Langeweile, die den jungen Yang in seiner Schulzeit dazu bewegte, die Speisen seiner Eltern lieber gegen das Pausenbrot seiner Mitschüler einzutauschen. Dieser privaten Dekonstruktion kulturell erzeugter Differenzen widmet sich Jun Yang auch in einem weiteren Video (June Yang & Zolnierz Lesniewski, 2002), in dem der Künstler den unterschiedlichsten Schreib- und Sprechweisen sowie lokalen Adaptionen seines eigenen Namens in verschiedenen Sprach- und Kultursystemen nachgeht: June wie Juni im Englischen, Yang ausgesprochen wie Paul Young im Englischen oder aber Chang wie Jackie Chan oder Michael Chang. Eine ebenso reichhaltige wie arbiträr gesetzte Interpretation seines Namens, der in seinem Heimatland selbst jedoch genauso inflationär benutzt wurde wie hierzulande etwa Michael Schmidt oder im Polnischen der Name Zolnierz Lesniewski.
Was bedeutet es also aufzubrechen, so könnte man fragen, wenn einem das, was einen in der Fremde erwartet, letztlich nur als eine schöne Projektion der eigenen Vorstellungen erscheint? Für Silke Otto-Knapp etwa, die schon vor mehreren Jahren von Deutschland nach London übergesiedelt ist, ist dies der imaginäre Bilder- und Lichterrausch, wie man ihn aus Hollywoodfilmen oder Reisebüchern über amerikanische Städte wie Las Vegas und Los Angeles her kennt. Glamourstädte aus Licht und architektonischen Extremen. Ruth Kaaserer hingegen dokumentiert in ihrem Video Wrapped in Cotton (2002) die unschuldig erscheinenden Zukunftsentwürfe zweier junger Cousinen, die in einem kleinen österreichischen Dorf aufwachsen, hier zur Schule gehen und zwangsläufig daran denken, irgendwann einmal fortzugehen. Ihre Erwartungen an die Welt der Erwachsenen werden hier noch still und unbekümmert vorgetragen, wie in Watte gehüllt. Es ist warm draußen, man trifft sich zum Schwimmen am Fluß und spielt mit dem Gedanken, im Sommer vielleicht nach Finnland zum Erdbeerpflücken zu fahren.
Und letztlich kommt ja doch immer alles anders, als man es eigentlich plant. Doch wenn wir Mari und Birgit im Wohnzimmer ihrer Großmutter beobachten, die von ihren Streichen aus ihrer eigenen Kindheit erzählt, stellen wir schnell fest, daß auch diese Vorstellungen alles andere als naive Teenagerträume sind. Sind sich die beiden Mädchen, die bei der Produktion des Films sowohl vor als auch hinter der Kamera agierten, doch voll darüber bewußt, daß ihre Zukunftswünsche auch nur Konstruktionen sind: Eine vorgegebene Realität, auf die man dennoch einwirken kann, wie bei der Schnittmontage eines Videofilms. Als die Großmutter Birigit zu Beginn des Films bittet, sie solle sich doch besser hinsetzen, damit sie auch richtig im Film zu sehen sei, ist es Birgit, die Oma medienkompetent darauf hinweist, daß das doch letztlich egal sei. Denn schließlich könne das alles später sowieso herausgeschnitten werden: "Oma, tu einfach so, als sei die Kamera nicht da."
Vielleicht sind es am Ende genau diese Entwürfe auf das noch Unbekannte, die das Traumhafte ebenso wie das Traumatische eigentlich erst aufrecht erhalten. "Nur in Spielen" nannten wir das in unserer Kindheit: Wir sind jetzt in einer Wüste, beim Hochhaus sind die Pyramiden, und das dort sind unsere Kamele. So ähnlich muß sich auch Roman Dziadkiewicz sein Unternehmen Camel Workshop - Road Performance (2001/2002) vorgestellt haben, das er gemeinsam mit der polnischen Künstlergruppe SAOZ ins Leben gerufen hat. Der alte Hippietraum, mit Kamelen durch die Wüste zu reiten und irgendwann vielleicht in Indien zu landen, wird in Dziadkiewicz' Projekt zum dreimonatigen fiktiven als auch real noch zu erlebenden Performancetrip, der schließlich in Indien enden soll und in Get out! zunächst einmal mit großflächigem Kinoplakat und traditionellem Teeaufguß umworben wird.
Auch ein entsprechender Werbeflyer liegt begleitend schon einmal aus: "Du wirst nichts von dem Projekt sehen, es sei denn, du machst mit. Nachdem das Projekt vorbei ist (vorausgesetzt wir kommen zurück), werden wir euch nichts zeigen - wir werden euch nur Geschichten erzählen. Über fast drei Monate, die wir auf den Höckern von Kamelen verbracht haben." Ausschluß durch Einschluß, Verweigerung durch Partizipation - nur wenn du dich auch selber durch deine Mitarbeit an dem Camel Workshop einbringst, wirst du auch tatsächlich etwas erleben, lautet hier die Devise. Ein selbstinszeniertes Come together, das die gemeinsame Erfahrung und das Gruppenerlebnis zwar oberflächlich betrachtet mit dem selben Vokabular und strategischen Vorgehen kommerzieller Abenteuerreisen zelebriert, das Unbekannte aber gerade im Aufbruch mit Freunden und Gleichgesinnten erleben will. Der eigentliche künstlerische Output, der in Bialystok gezeigt wird, wird dabei nur als Mittel zum Zweck und als Sponsorenstaffage verwendet.
Und so werden Dziadkwiewics und SAOZ demnächst tatsächlich aufbrechen, um gemeinsam mit einer Schar Gleichgesinnter auf Kamelen durch die Wüste zu reiten. Auch wenn die Reisegruppe dabei die bereits ausgetretenen Pfade einer kommerziellen Freizeitindustrie streifen sollte, die letztlich die selben Träume vom Aufbrechen und Ausbruch bedient.
Diese Form des Kontextbedienens wird auch von Mari Laanenets und Killu Sukmit aus Estland dazu benutzt, scheinbar freundlich im internationalen Ausstellungsbetrieb mitzuspielen. Das Video des Duos, in dem beide in einem Auto durch eine per Rückprojektion vorbeiziehende nächtliche Stadtlandschaft fahren, zitiert dabei Vincent Vegas Exkurs über Fast Food aus Quentin Tarantinos Film Pulp Fiction: Obwohl die Zutaten der entsprechenden Burger von L.A. bis Amsterdam sich nicht im geringsten unterscheiden, sind es für ihn gerade die kleinen Unterschiede, die sich lediglich an den unterschiedlichen Produktbezeichnungen ausmachen lassen, die einen Burger in Amsterdam anders schmecken lassen als einen, der etwa in L.A. hergestellt wurde.
Diese Geschmacksunterschiede, die sich auf ästhetische Urteile übertragen ließen, entpuppen sich in ihrer Banalität zunächst als virtuelle Differenzen, die jedoch gerade im Übergang von einem Kultursystem ins andere durch ihre Fiktionalisierung erfahrbar gemacht werden. Das heißt, objektiv betrachtet sind diese kleinen Unterschiede überhaupt nicht vorhanden, sondern werden erst im Blick von außen erzeugt. Was zweifellos immer wieder zu Mißverständnissen führt: Als Mari Laanemets und Killu Sukmit von Kurator Søren Grammel gebeten wurden, ihre Arbeit durch einen Textbeitrag für den begleitenden Ausstellungskatalog zu kommentieren, waren sie erstaunt darüber, wie auch der Blick von 'West' nach 'Ost' im internationalen Diskurs einer immanenten Fiktionalisierung unterliegt.
Die Erwartungen von Grammel an die beiden Künstlerinnen, eine persönliche Standortanalyse der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation in Estland zu formulieren, wollten und konnten sie nicht einlösen. Hieße dies doch, ähnlich wie die Entwicklung einer nationalen 'brand identity' durch ausländische PR-Konzepte, sich in das bestehende Vokabular eines nach wie vor westlich dominierten Diskurshaushaltes über 'Osteuropa' einzuklinken, der für die Bewohner des Landes selber keineswegs als solcher wahrgenommen wird.
"To live abroad can make you rootless as well it can give you freedom" steht auf den Arbeiten der dänischen Künstlerin Lise Harlev (Everything for the first time, 2002) geschrieben. Im ersten Moment wirkt diese Einsicht platt wie die bunten Schilder, auf die sie gleich jenen marktschreierischen Werbeplakaten, die einem immer wieder an den Straßengeschäften in Polen auffallen, gedruckt ist. Und dennoch verbirgt sich gerade hier, auch wenn dieser schmale Sinnspruch neben ähnlich lautenden Phrasen Harlevs im Grunde gar nicht weiter auffallen will, just jene Klammer, die Fortgehen als Phänomen mit all seinen verbundenen Widrigkeiten und Hoffnungen im Grunde zu öffnen scheint: Im Fortgehen kannst du all das verlieren, was dich eigentlich ausmacht und am Leben hält. Doch gerade diese Wurzeln von sich zu streifen, kann ein unglaublich befreiender Prozeß sein.
Galeria Arsenal, Bialystok, Polen, 19.01.-17.02.2002
Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_9.php