Loving The Alien

von Chris Koever, 31.05.05
Druckversion

Ein kleiner Tipp vorab für alle jene, deren schwaches Nervenkostüm sie bisher daran gehindert hat, in den Genuss der Alien-Tetralogie zu kommen. Wer seine filmischen Bildungslücken schließen möchte, ohne dabei ständig ein Sofakissen vors Gesicht halten, auf Viva umschalten oder aus dem Zimmer rennen zu müssen, sollte sich vorher einfach die entsprechenden Passagen aus Georg Seeßlens und Fernand Jungs Science Fiction. Grundlagen des populären Films durchlesen. Spätestens nach Sätzen wie: "Ein tentakeliges Wesen springt aus den eiergleichen Pflanzen dem Astronauten Kane ins Gesicht (...) Es führt einen langen Stachel bis in seine Lunge, dann stirbt es überraschend schnell ab" hat man genug gelacht, um jede sabbernde Alienattacke und jede suspensige Durch-die-Gänge-Schleich-Sequenz entspannt aus der ironischen Distanz heraus zu genießen, und kann diesen Meisterwerken die gebührende, durch kein Sofakissen gehinderte Aufmerksamkeit schenken. Auch immer zu empfehlen: eine mit den Filmen bereits vertraute Person, die an den entsprechenden Stellen Warnungen ausstößt ("Achtung, gleich springt es ihn an").

Ripley, mit Kanone

Ripley, mit absurd überdimensionierter Kanone. Hier braucht sie noch Unterstüzung, gegen Ende des Films bedient sie zwei von den Dingern gleichzeitig

Die große Hürde in Sachen Gruseleffekt stellt ohnehin nur der erste Teil dar. Ridley Scott überzeugte 1979 durch eine gekonnt und spärlich eingesetzte Sichtbarmachung des Aliens, wo spätere Folgen eher auf mehr und gewaltiger setzen, und schuf dadurch den unumstritten schaurigsten der vier Filme. Wer es dennoch schafft hinzusehen, wird reich belohnt. Allem voran mit einer brettharten und zu Anfang blutjungen Sigourney Weaver als Ripley, der Mutter aller weiblichen Action-Heldinnen. 1979 war Ripley eine der ersten weiblichen Figuren in einem Action- oder Horrorfilm, die nicht nur für zügiges Sterben oder dramatisches Gerettetwerden engagiert wurden. Lange bevor Lucy Liu, Cameron Diaz und Drew Barrymore irgendjemanden in den Arsch traten oder Girl Power als Konzept überhaupt erfunden wurde, katapultierte Ripley einen zähen sabbernden Alien nach dem anderen ins All, während ihre (überwiegend) männlichen Kollegen zu Alienfutter wurden. Betrachterinnen mit horrorgeübtem Blick drängt sich dabei sogleich die Parallele zur Figur des Final Girls aus klassischen Splattermovies auf: wie Sally Hardesty in Texas Chainsaw Massacre ist auch Ripley das "last girl standing", der Tomboy, die ewig Vorsichtige, Warnende, die den Killer letztlich erledigt und so ihr eigenes Leben rettet. Nur dass aus dem psychopathischen Killer ein psychopathischer Alien und aus dem spukigen Haus einer inzestuösen texanischen Kleinfamilie ein abgewrackter Raumfrachter geworden ist.

Ganz gemäß der bekannten Formel, nach der die Achtlosen und Unvorsichtigen als erstes sterben, wird in den vier Filmen konsequent jeder Macker, der Ripleys Warnungen in den Wind schlägt, und derer gibt es recht viele, spätestens zehn Minuten später von einem Alien erledigt. Der oder besser das einzige, das Ripley die Show streitig machen könnte – das sagt schon der Titel, denn bedauerlicherweise heißen die Filme ja nicht Ripley 1-4, obwohl sie das vielleicht sollten – ist das Alien, bzw. später die Aliens, denn während selbiges im ersten Teil noch in der Einzahl auftritt, bekommt es schon im Sequel, treffenderweise Aliens betitelt, Verstärkung von seinen Kumpels bzw. Brüdern und Schwestern. Der Reproduktionszyklus der Aliens wird, obwohl das Thema eine zentrale Rolle spielt, an keiner Stelle eingehend erklärt, aber der Umstand, dass er zwei Phasen umfasst, legt die Vermutung nahe, dass die Alienspezies mit Moos- und Farngewächsen verwandt sein könnte. Induktiv lässt er sich etwa folgendermaßen ableiten: In einem ersten sporophyten Stadium schlüpfen aus den von einem Mutteralien gelegten Eiern kleine krakenartige Aliens, deren einzige Lebensaufgabe es ist, die Aliensporen in der Lunge einer Wirts abzulegen, bevor sie sterben (vgl. Zitat). In einer zweiten gametophyten Phase werden dann die sich parasitär im Leib des (in der Regel) menschlichen Wirts entwickelnden Aliens in einem scheinbar sehr schmerzhaften und ziemlich tödlichen Prozess aus dem Brustkorb des Wirts "geboren".

Ausgestattet mit Batteriesäure als Blut, zwei Mäulern voller Reißzähne, einem metallischen Panzer, sich an die Umgebung anpassender Körpertemperatur, sowie echolotischem Orientierungssinn und überdurchschnittlicher Stärke, Schnelligkeit und Intelligenz sind die Aliens ein perfekter Organismus und fast so zäh wie Ripley, aber wie sich am Ende zeigt eben nur fast (Jubel!). Dass die Dinger kaum kaputt zu kriegen sind, beschert uns im zweiten Teil (1986) unter der Regie von James Cameron das, was Cameron am besten kann: einem Ballerfest der Extraklasse, geschmückt mit vielen großen Flammenwerfern und allerlei anderem phallischen Kriegsgerät. Von der Schauderhaftigkeit des ersten Teils ist hier nicht mehr viel übrig geblieben. Statt langsam und nervenzehrend durch Korridore zu schleichen und sich von unberechenbaren Aliens attackieren zu lassen, wird bei Aliens auf die unterhaltende Funktion großer Explosionen gesetzt. All diejenigen, die angesichts des ersten Films schon an Ripleys Weiblichkeit gezweifelt haben, dürfen jetzt erleichtert aufatmen, denn als Ersatzmami für ein kleines Mädchen mit ausgeprägtem Kindchenschema, das die Aliens zur Waisen gemacht haben, darf unsere Heldin zeigen, dass in ihrer muskulösen Schale ein mütterliches Herz schlägt. Und spätestens nach der denkwürdigen Abschlussszene, in der Ripley zwei ohnehin schon überdimensionierte Automatikwaffen aneinanderzurrt, um mit doppelter Schusskraft alle Aliens hinfortzufegen, die sich zwischen sie und ihren kleinen Schützling stellen, wünschen wir uns alle, eine Mami wie diese Frau zu haben, wenn die bösen Außerirdischen kommen.

Mama Ripley

Die beste Mama der Welt: Commander Ripley!

Ein besonderes Bonbon gibt es noch ganz zum Schluss. Gemäß der Slasherformel, die besagt, dass der Killer am Ende immer noch mal wiederkommt, tauchen auch die bereits tot oder zumindest gefangen geglaubten Aliens Film nach Film zu einem letzten Showdown auf, woraufhin Ripley die hartnäckigen Biester meist nach einem eindrucksvollen Kampf ins All befördert (vgl. Alien, Aliens und Alien Resurrection. Es lebe das Selbstzitat!). Die schönste aller Alien-ins-All-Schleuder-Szenen ist jedoch zweifelsohne die letzte, in der die neueste tödliche Mutation der Alienspezies per Unterdruck durch ein etwa daumengroßes Loch tröpfchenweise ins All gesaugt wird, wobei wir detailliert beobachten dürfen, wie erst die Körperflüssigkeiten, dann die Gedärme rückwärts aus ihm rausgezogen werden, bis zum Schluss nur noch der Schädel übrig bleibt. Trash lässt grüßen! Wer sich an dieser Stelle immer noch gruselt und immer noch nicht totlacht, dem können dann auch Seeßlen/Jung nicht mehr helfen.

Aliens werden ins All geschleudert

Darf in keinem zuküftigen Sequel fehlen: Die obligatorische Alien-ins-All-Schleuder-Szene nach dem Showdown (links Alien, rechts Aliens).

Seeßlen, Georg; Jung, Fernand: Science Fiction. Grundlagen des populären Films. Marburg 2003.

Clover, Carol: Men, Women, and Chain Saws: Gender in the Slasher Film. Princeton, NJ 1993.

Alien FAQ: http://www.bibble.org/misc/alien_faq.html.

 

impressum & kontakt
Loving The Alien
Chris Koever
Die Alien-Tetralogie als Rezeptsammlung: Was wir schon immer über Sci-Fi-Slasher zu wissen glaubten, aber bisher noch nie aufgeschrieben hatten.
Staatsakt für die Flutopfer - Bemerkungen zur medialen Überflutung
Jan Kristian Wiemann
Eine Medienanalyse über die Aufbereitung der Fernsehübertragungen vom Staatsakt zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe in Südasien.
Krisenhafte Verstrickung der Kunst im Netz
Chris Koever
Netzkunst, quo vadis? Ein Interview von Chris Koever mit Tilman Baumgärtel
Nach Diktat der Leitkultur zur Fiesta der Vielfalt?
Tim Schmalfeldt
'Dualistische' Auffassungen, die das "Eigene" von den "anderen (Opfern)" trennen, führen schnell zu einer Vereinnahmung von Vielfalt durch die "eigene" Norm.
Kultur als eine Massenvernichtungswaffe?
Wanda Wieczorek
Kultur auf dem europäischen Sozialforum 2004 in London. Ein Bericht.
911 - Zahlenmystik und Gedenken
Jan Kristian Wiemann
Zahlenspiele zu Ereignissen des 9. November
Sehr verehrte Gemeinde der letzten Raucher,
Jan Kristian Wiemann
Kleine Mediengeschichte der Zigarettenschachtel
Ein Universum des Kreuchens und Fleuchens
Andreas Otto
Springintguts Album "Posten 90" offenbart bei näherem Hinschauen ein mikrokosmisches Universum des Kreuchens und Fleuchens.
Medienwerk und Konsumobjekt
Rolf Großmann
In der Musikwissenschaft scheint ein Paradigmenwechsel vonnöten. Thesen zu einer Ästhetik der medialen Existenz von Musik.
Rezeption, Kommunikation, Interaktion. Konzepte der Klanginstallation
Rolf Großmann
Eine besondere Perspektive auf Klanginstallationen: Nicht das vom Künstler vielleicht imaginierte "Werk" steht im Zentrum, sondern Konzepte von Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten in klanglich "installierten" Räumen.
Wer denkt, verliert!
Heiko H. Gogolin
Viewtiful Joe redefiniert Videospielprügeln im Comic Gewand: Henshin-A-Gogo!
... weil ich denke, dass dieses Bild eine Geschichte in sich birgt...
Wanda Wieczorek
Eine Ausstellung in Dresden belebt die Auseinandersetzung um das ästhetische Erbe des Sozialismus
Wünschen im Wolkenbügel
Anika Heusermann
Auf dem Gelände des Hamburger Projekts Park Fiction soll ein Institut für unabhängigen Urbanismus entstehen
Mobile Art auf der Ars Electronica
Frauke Behrendt
Auf der ArsElectronica 2003 zeigt sich die Mobile Art als ein neues Genre der Medienkunst.
form follows fiction
Timo Meisel, Wanda Wieczorek
In Hamburg sucht sich der Widerstand gegen neoliberale Stadtplanung neue Formen.
The Floating World - das Burning Man Festival 2002
Kerstin Niemann
Kerstin Niemann berichtet vom Burning Man Festival 2002.
zerstreut radio hören
Wanda Wieczorek
Lignas Radiodemo zerstreut mit Hilfe ihrer Hörer politische Artikulation im öffentlichen Raum.
Same Procedures As Every Year. Der Gamesrückblick
Nils Dittbrenner, Heiko H. Gogolin
Welche Games bot das Jahr 2002? Ein Jahresrückblick.
Refer To Sender
Timo Leder
Von dem Paradox der Unentscheidbarkeit, das auch vor der KI- und KL-Forschung nicht halt macht.
CODeDOC
Michael Thomas
Undesign Software! "Software Art" spielt mit offenen Karten und gewährt so den Blick hinter die Kulissen der Netzkunst.
Harms Techno-Sommer
Harm Bremer
der techno[festival]sommer neigt sich dem ende zu. zeit, ein kleines resümee zu ziehen.
Michel Foucault und die Künste
Stephanie Bunk
Wenn sich fast nur "Alte Freunde" zum Gedenken treffen, gehen einige Chancen, dem Denken Michel Foucaults aus aktueller Perspektive gerecht zu werden, flöten.
Machinima: Ab ins eigene Studio
Heiko H. Gogolin, Nils Dittbrenner
Animationsfilme drehen mit Quake: Heiko und Nils erklären, wie es kam, wie es geht und wohin.
Nur Anfassen ist verboten
Chris Koever
Die Ars Electronica in Linz widmet sich den blinden Flecken der Globalisierung
Von Meuterern, Revolutionen und anderen Zusammenhängen
Hilmar Schäfer
Betrachtungen über das Schiff und andere Heterotopien.
doc11.doc
Karin Prätorius
documenta 11 - Handreichung und Top 10
Sónar 2002: Das große Auswärtsspiel
Kirsten Riesselmann
Die Sónar in Barcelona, eines der größten Festivals für elektronische Musik, lässt sich nur als ambivalentes Vergnügen erfahren.
Anleitung zum Wohnen im real existierenden Funktionalismus
Timo Meisel
In seltenen Fällen destillieren Sach- und Lehrbücher die Essenz des Zeitgeistes. Die Wohnraumfibel aus der DDR von 1972 ist ein solches Buch.
Manifesta 4
Karin Prätorius
Die Kuratorinnen der Manifesta 4 setzen auf Transparenz und kaum bekannte europäische KünstlerInnen
Konrad Lischka: Spielplatz Computer
Nils Dittbrenner
Rezension von Konrad Lischka's Buch "Spielplatz Computer", Heise Verlag 2002
Die Sportsfreundin kritisch hinterfragt
Inga Koehler
www.sportsfreundin.de wird kritisch hinterfragt.
Mao tanzt Ballett
Wanda Wieczorek
Rundfunkballett - eine performative Aktion gegen die Folgen der Privatisierung des Hamburger Hauptbahnhofs.
Zur Öffentlichkeit des Cyberspace
Christian Steininger
Bisherige theoretische Konzeptionen von Medien und Öffentlichkeit haben Probleme damit, neue Medien zu fassen.
Kubistische Puzzlespiele V 1.2
Heiko H. Gogolin
Neuen Videospielen fehlt es konzeptionell und gestalterisch oft an Abstraktion und Innovation
Get Out!
Michael Thomas
Ob durch äußere Umstände erzwungen oder aus freiwilligen Antrieb initiiert, bedeutet Weggehen den Abschied vom Gewohnten.
Happy Surveillance
Kirsten Riesselmann
Panoramic Feedback-Systeme sollen dafür sorgen, dass sich Arbeitnehmer als 'Unternehmer ihrer selbst' begreifen.
SPACE (Teil 2): Raum und Realität im Wandel der Zeit
Jan Kristian Wiemann
Der Begriff der Realität hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte kontinuierlich gewandelt.
Women Facing Computer- And Videogames
Inga Koehler
Frauen werden im Gros der Computerspiele mit reaktionären und diskriminierenden Darstellungen ihrer Selbst konfrontiert.
SPACE (Teil 1): Heaven and Sky
Jan Kristian Wiemann
Tour d'Horizon der Raumtheorien - Teil 1 der Retrospektive auf vergangene Raumvorstellungen
Das Spiel spielt Dich
Heiko H. Gogolin
Electronic Arts verwischt mit dem Online-Game Majestic die Grenzen zwischen Spiel und Realität.
Dogma 2001: Technologie vs. Kreativität
Heiko H. Gogolin
Spiele werden lediglich technisch immer aufwändiger und teurer, anstatt Storylines und innovatives Gameplay weiterzuentwickeln.
Interview mit team chman
Nils Dittbrenner
Ein Gespräch mit Stef, Yuck und Gunn, den Designern des Online-Adventures Banja.
Wodka-Honig auf Itland
Nils Dittbrenner
Für diejenigen, denen Online-Spiele bisher zu rasant, zu blutrünstig, zu schnell oder zu fordernd waren, gibt es jetzt einen Linktipp zum forwarden: www.banja.com