Ein kleiner Tipp vorab für alle jene, deren schwaches Nervenkostüm sie bisher daran gehindert hat, in den Genuss der Alien-Tetralogie zu kommen. Wer seine filmischen Bildungslücken schließen möchte, ohne dabei ständig ein Sofakissen vors Gesicht halten, auf Viva umschalten oder aus dem Zimmer rennen zu müssen, sollte sich vorher einfach die entsprechenden Passagen aus Georg Seeßlens und Fernand Jungs Science Fiction. Grundlagen des populären Films durchlesen. Spätestens nach Sätzen wie: "Ein tentakeliges Wesen springt aus den eiergleichen Pflanzen dem Astronauten Kane ins Gesicht (...) Es führt einen langen Stachel bis in seine Lunge, dann stirbt es überraschend schnell ab" hat man genug gelacht, um jede sabbernde Alienattacke und jede suspensige Durch-die-Gänge-Schleich-Sequenz entspannt aus der ironischen Distanz heraus zu genießen, und kann diesen Meisterwerken die gebührende, durch kein Sofakissen gehinderte Aufmerksamkeit schenken. Auch immer zu empfehlen: eine mit den Filmen bereits vertraute Person, die an den entsprechenden Stellen Warnungen ausstößt ("Achtung, gleich springt es ihn an").
Ripley, mit absurd überdimensionierter Kanone. Hier braucht sie noch Unterstüzung, gegen Ende des Films bedient sie zwei von den Dingern gleichzeitig
Die große Hürde in Sachen Gruseleffekt stellt ohnehin nur der erste Teil dar. Ridley Scott überzeugte 1979 durch eine gekonnt und spärlich eingesetzte Sichtbarmachung des Aliens, wo spätere Folgen eher auf mehr und gewaltiger setzen, und schuf dadurch den unumstritten schaurigsten der vier Filme. Wer es dennoch schafft hinzusehen, wird reich belohnt. Allem voran mit einer brettharten und zu Anfang blutjungen Sigourney Weaver als Ripley, der Mutter aller weiblichen Action-Heldinnen. 1979 war Ripley eine der ersten weiblichen Figuren in einem Action- oder Horrorfilm, die nicht nur für zügiges Sterben oder dramatisches Gerettetwerden engagiert wurden. Lange bevor Lucy Liu, Cameron Diaz und Drew Barrymore irgendjemanden in den Arsch traten oder Girl Power als Konzept überhaupt erfunden wurde, katapultierte Ripley einen zähen sabbernden Alien nach dem anderen ins All, während ihre (überwiegend) männlichen Kollegen zu Alienfutter wurden. Betrachterinnen mit horrorgeübtem Blick drängt sich dabei sogleich die Parallele zur Figur des Final Girls aus klassischen Splattermovies auf: wie Sally Hardesty in Texas Chainsaw Massacre ist auch Ripley das "last girl standing", der Tomboy, die ewig Vorsichtige, Warnende, die den Killer letztlich erledigt und so ihr eigenes Leben rettet. Nur dass aus dem psychopathischen Killer ein psychopathischer Alien und aus dem spukigen Haus einer inzestuösen texanischen Kleinfamilie ein abgewrackter Raumfrachter geworden ist.
Ganz gemäß der bekannten Formel, nach der die Achtlosen und Unvorsichtigen als erstes sterben, wird in den vier Filmen konsequent jeder Macker, der Ripleys Warnungen in den Wind schlägt, und derer gibt es recht viele, spätestens zehn Minuten später von einem Alien erledigt. Der oder besser das einzige, das Ripley die Show streitig machen könnte – das sagt schon der Titel, denn bedauerlicherweise heißen die Filme ja nicht Ripley 1-4, obwohl sie das vielleicht sollten – ist das Alien, bzw. später die Aliens, denn während selbiges im ersten Teil noch in der Einzahl auftritt, bekommt es schon im Sequel, treffenderweise Aliens betitelt, Verstärkung von seinen Kumpels bzw. Brüdern und Schwestern. Der Reproduktionszyklus der Aliens wird, obwohl das Thema eine zentrale Rolle spielt, an keiner Stelle eingehend erklärt, aber der Umstand, dass er zwei Phasen umfasst, legt die Vermutung nahe, dass die Alienspezies mit Moos- und Farngewächsen verwandt sein könnte. Induktiv lässt er sich etwa folgendermaßen ableiten: In einem ersten sporophyten Stadium schlüpfen aus den von einem Mutteralien gelegten Eiern kleine krakenartige Aliens, deren einzige Lebensaufgabe es ist, die Aliensporen in der Lunge einer Wirts abzulegen, bevor sie sterben (vgl. Zitat). In einer zweiten gametophyten Phase werden dann die sich parasitär im Leib des (in der Regel) menschlichen Wirts entwickelnden Aliens in einem scheinbar sehr schmerzhaften und ziemlich tödlichen Prozess aus dem Brustkorb des Wirts "geboren".
Ausgestattet mit Batteriesäure als Blut, zwei Mäulern voller Reißzähne, einem metallischen Panzer, sich an die Umgebung anpassender Körpertemperatur, sowie echolotischem Orientierungssinn und überdurchschnittlicher Stärke, Schnelligkeit und Intelligenz sind die Aliens ein perfekter Organismus und fast so zäh wie Ripley, aber wie sich am Ende zeigt eben nur fast (Jubel!). Dass die Dinger kaum kaputt zu kriegen sind, beschert uns im zweiten Teil (1986) unter der Regie von James Cameron das, was Cameron am besten kann: einem Ballerfest der Extraklasse, geschmückt mit vielen großen Flammenwerfern und allerlei anderem phallischen Kriegsgerät. Von der Schauderhaftigkeit des ersten Teils ist hier nicht mehr viel übrig geblieben. Statt langsam und nervenzehrend durch Korridore zu schleichen und sich von unberechenbaren Aliens attackieren zu lassen, wird bei Aliens auf die unterhaltende Funktion großer Explosionen gesetzt. All diejenigen, die angesichts des ersten Films schon an Ripleys Weiblichkeit gezweifelt haben, dürfen jetzt erleichtert aufatmen, denn als Ersatzmami für ein kleines Mädchen mit ausgeprägtem Kindchenschema, das die Aliens zur Waisen gemacht haben, darf unsere Heldin zeigen, dass in ihrer muskulösen Schale ein mütterliches Herz schlägt. Und spätestens nach der denkwürdigen Abschlussszene, in der Ripley zwei ohnehin schon überdimensionierte Automatikwaffen aneinanderzurrt, um mit doppelter Schusskraft alle Aliens hinfortzufegen, die sich zwischen sie und ihren kleinen Schützling stellen, wünschen wir uns alle, eine Mami wie diese Frau zu haben, wenn die bösen Außerirdischen kommen.
Die beste Mama der Welt: Commander Ripley!
Ein besonderes Bonbon gibt es noch ganz zum Schluss. Gemäß der Slasherformel, die besagt, dass der Killer am Ende immer noch mal wiederkommt, tauchen auch die bereits tot oder zumindest gefangen geglaubten Aliens Film nach Film zu einem letzten Showdown auf, woraufhin Ripley die hartnäckigen Biester meist nach einem eindrucksvollen Kampf ins All befördert (vgl. Alien, Aliens und Alien Resurrection. Es lebe das Selbstzitat!). Die schönste aller Alien-ins-All-Schleuder-Szenen ist jedoch zweifelsohne die letzte, in der die neueste tödliche Mutation der Alienspezies per Unterdruck durch ein etwa daumengroßes Loch tröpfchenweise ins All gesaugt wird, wobei wir detailliert beobachten dürfen, wie erst die Körperflüssigkeiten, dann die Gedärme rückwärts aus ihm rausgezogen werden, bis zum Schluss nur noch der Schädel übrig bleibt. Trash lässt grüßen! Wer sich an dieser Stelle immer noch gruselt und immer noch nicht totlacht, dem können dann auch Seeßlen/Jung nicht mehr helfen.
Darf in keinem zuküftigen Sequel fehlen: Die obligatorische Alien-ins-All-Schleuder-Szene nach dem Showdown (links Alien, rechts Aliens).
Seeßlen, Georg; Jung, Fernand: Science Fiction. Grundlagen des populären Films. Marburg 2003.
Clover, Carol: Men, Women, and Chain Saws: Gender in the Slasher Film. Princeton, NJ 1993.
Alien FAQ: http://www.bibble.org/misc/alien_faq.html.