Staatsakt für die Flutopfer - Bemerkungen zur medialen Überflutung

von Jan Kristian Wiemann, 20.01.05
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Bereits am 9. Januar hatte es im Berliner Dom einen zentralen Gedenkgottesdienst gegeben - heute gedachte die Bundesrepublik, mit einem von Bundespräsident Horst Köhler angeordneten Staatsakt, der Opfer der Flutkatastrophe in Asien.

Unter den rund 900 Gästen der Gedenkfeier befanden sich neben Politikern und Diplomaten auch Angehörige der Opfer sowie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Ein mit Blumen geschmückter Stuhl zwischen dem Platz des Bundespräsidenten und dem des Bundestagspräsidenten sollte symbolisch das Gedenken an die Opfer und Vermißten ausdrücken.

Nach Richard Strauss' Serenade op. 7 trat Bundespräsident Horst Köhler als einziger Redner auf. In seiner Ansprache wandte Köhler sich an die Hinterbliebenen: "Wir können Ihren Schmerz kaum ermessen, doch wir trauern mit Ihnen". Ausdrücklich dankte Köhler auch den vielen deutschen Helfern vor Ort für ihre Leistungen. Die Spendenbereitschaft der Deutschen würdigte er als Zeichen dafür, daß Menschen helfen, "wenn es darauf ankommt". Er mahnte aber auch zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Hilfsgeldern. Wichtig sei, daß die Menschen vor Ort die Aufbauarbeit selbst in die Hand nehmen würden. "Sie dürfen nicht bloße Empfänger bleiben und nicht in eine Dauerabhängigkeit von fremder Hilfe geraten". Das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" gelte auch in diesem Fall, so Köhler.

Der Bundespräsident erinnerte auch an den seit Jahren währenden Bürgerkrieg auf Sri Lanka und Sumatra. In den ersten Stunden nach der Flut hätten sich Menschen aus verfeindeten Gruppen spontan gegenseitig geholfen. "Diesen spontanen menschlichen Impuls sollten die Konfliktparteien aufgreifen und endlich Frieden schaffen". Köhler verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, daß die während der Flutkatastrophe bewiesene Hilfsbereitschaft fortbestehen werde: "Ich wünsche mir, daß dieses Bewußtsein, 'wir müssen für den anderen da sein' anhält".

Soweit zum Inhalt - nun zur Form. In den vergangenen Wochen sind wir mit einer ganzen Flut von Bildern der Flutkatastrophe konfrontiert worden. Heute war es die live-Übertragung des Staatsaktes auf acht Kanälen. Die ARD zeigte die Veranstaltung von 14:00 bis 15:00 Uhr auf folgenden Kanälen: Das Erste, EinsExtra, Bayerisches Fernsehen. Phoenix und ZDF benutzten das gleiche Material wie die ARD, die Bildregie war wohl die gleiche. Lange Einstellungen, harte Schnitte, kaum Zooms und Schwenks, Totale, Nahaufnahme des Redners, Halbnahe einiger Zuschauer, so wie man das auch aus Bundestagsdebatten kennt.

RTL und n-tv boten ein bewegteres, emotionaleres Bild. Die Kameras gingen auch mal näher an die Zuhörer. Schwenks und Zooms lockerten die Langeweile etwas auf - einige Zooms weniger hätten allerdings gereicht. Vielleicht sollte eine Gedenkfeier auch visuell trist daherkommen. N24 bediente sich der gleichen Bilder. Im Gegensatz zu RTL zeigten n-tv und N24, wie gewohnt, ihren Börsen- und Newsticker im unteren Viertel. Für N24 zählte wohl nur der politische Aspekt der Trauerfeier. Auf die der Ansprache des Bundespräsidenten folgenden besinnlichen Klängen der Serenade Nr. 10 (Gran Partita, Sätze 3 und 5) von Wolfgang Amadeus Mozart mußte man als Fernsehzuschauer verzichten. Das war zuviel Kultur, N24 klinkte sich aus. Chefmoderator Alexander Privitera und Claudia Eberl moderierten eine Reportage an und führten anschließend ein kurzes Interview.

Gewohnt innovativ präsentierte RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel den musikalischen Beitrag als picture-in-picture. Die Formel 1 Zuschauer kennen dieses Verfahren: ein kleineres Bildfenster wird in ein größeres eingebettet. Nachdem im kleineren, linken Fenster das Zuspielerproblem (wenn die MAZ mal wieder nicht so will, Grafik: "check tape") gelöst wurde, sah man dort verwackelte Bilder der Flutkatastrophe. Die Großaufnahmen von Leidenden und Leichen auf der einen Seite, die live-Bilder der trauernden Gäste und des Ensembles der Berliner Philharmoniker auf der anderen Seite - wechselweise mal im größeren, mal im kleineren Bildfenster - schufen eine merkwürdige Atmosphäre. Muß man anläßlich einer Gedenkfeier die entstellten Körper der Toten, das Leid der Überlebenden, die Katastrophe noch einmal so heftig vor Augen führen?

Auf die Serenade folgte nach einer kurzen Pause eine sehr getragene Version der Nationalhymne. Pünktlich schaltete man bei N24 wieder zum Bundestag um, denn die Nationalhymne ist ein politisches, kein kulturelles Musikstück.

Nachdem um 14:50 Uhr die Nationalhymne verklungen war, meldete sich der Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios Thomas Roth nochmals zu Wort, das ZDF schaltete mit etwa fünfminütiger Verspätung zur geplanten Sportsendung, N24 zeigte sogleich die Wiederholung der Rede des Bundespräsidenten, bei Phoenix sah man den sich langsam leerenden Bundestag.

Anmerkungen:
Titel der Sendungen: Staatsakt für die Flutopfer (Das Erste, EinsExtra, Bayerisches Fernsehen); Staatsakt für die Opfer der Flutkatastrophe (ZDF); Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe (RTL); Staatsakt für die Flutopfer (n-tv); Staatsakt zur Tsunami-Katastrophe (N24).

Links:
Staatsakt im Bundestag, tagesschau um drei, 20.01.05 (Brigitte Abold, ARD Berlin)
Bundestag (Foto: ap)
Blumen (Foto: ap)

 

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