Sehr verehrte Gemeinde der letzten Raucher,

von Jan Kristian Wiemann, 03.11.04
Druckversion

Militanten Nicht-Rauchern genügt es nicht, daß sich unsere Spezies selbst dezimiert (Lungenkrebs etc.). Sie wollen uns schon vorher zum Nicht-Raucher-Dasein nötigen. In einigen Kneipen und Restaurants darf nicht mehr geraucht werden (welch' Absurdität), viele Angestellte werden zum Rauchen "vor die Tür gesetzt" oder erst gar nicht eingestellt.

Der Verpackung unseres geliebten Genußmittels wurde unlängst ein häßlicher schwarz-weiß Slogan hinzugefügt (z.B. "Rauchen läßt ihre Haut schneller altern"), den wir durchaus mit Humor aufnahmen ("Wer keine Falten hat, hat nichts erlebt", Lucky Strike). Schon bald wird die Schriflichkeit der neuen Visualität weichen. Einen Ausblick gibt uns die audiovisual library der Europäischen Kommission.

Betrachtet man diese Entwicklung der Warnungen, sehen wir Parallelen zur Mediengeschichte - respektive wird uns die Mediengeschichte noch einmal vor Ohren und Augen geführt.
1. Die Phase der oral history. Ärzte und andere Gesundheitsapostel sprachen über die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen.
2. Die Phase der Schriftlichkeit. Nach der Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern war es nun auch möglich, schriftliche Warnhinweise auf Zigaretten-Verpackungen aufzudrucken. Nach einer Weile bemerkte man, daß dieser Warnhinweis auch auf Tabaksbeuteln als ästhetische Grausamkeit verbreitet wurde.
3. Die Phase der Illustration. Mit Aufkommen der Rotationsdruckmaschine war es möglich, auch Bilder in einer guten Quälität kostengünstig und massenhaft zu verbreiten. Die schriftliche Warnung wird durch ein Bild ersetzt. Dieses soll dem Konsumenten eine "physische Chockwirkung" zufügen, doch der kunstinteressierte und passionierte Raucher kennt solche Motive schon von den (inzwischen verblichenen) Young British Artists.

Nun gibt es m.E. mehrere Erklärungen für den letzten Paradigmen- oder Medienwechsel:
1. Die Pisa-Studie. Wir deutsche Analfabeten ignorierten die schriftliche Warnung aufgrund der Unfähigkeit den "code" zu entschlüsseln. Siehe auch "Rauchen macht dumm" bei Spiegel-Online.
2. Der Innovationszwang. Der Wirtschaftsstandort Deutschland muß sich als High-Tech Standort präsentieren - das Neueste ist gerade gut genug -, deshalb werden diese "Bildchen" demnächst von kleinen Aufklärungsfilmchen abgelöst (Innerhalb der Zigarettenschachtel läuft ein Mini-Projektor, der einen kurzen Super-8 Film durch die halb-transparente Zigarettenschachtel projiziert.) In weiter Zukunft wird dieser mechanische Filmapparat durch einen Videoplayer ersetzt und in 100 Jahren werden wir interaktiv durch unsere Lungen wandern können, die dann - Dank der fortschreitenden Medizin und Biotechnologie, von irgendeiner verschreibungspflichtigen Arznei gereinigt -, im zarten Rosa pumpt und pumpt und pumpt.


                       O ~
                        O ~
                        O ~
                      O ~
-----------------xxxxx ~
-----------------xxxxx

Herzlichst Ihr
Jean Baton Rouge

 

impressum & kontakt
Loving The Alien
Chris Koever
Die Alien-Tetralogie als Rezeptsammlung: Was wir schon immer über Sci-Fi-Slasher zu wissen glaubten, aber bisher noch nie aufgeschrieben hatten.
Staatsakt für die Flutopfer - Bemerkungen zur medialen Überflutung
Jan Kristian Wiemann
Eine Medienanalyse über die Aufbereitung der Fernsehübertragungen vom Staatsakt zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe in Südasien.
Krisenhafte Verstrickung der Kunst im Netz
Chris Koever
Netzkunst, quo vadis? Ein Interview von Chris Koever mit Tilman Baumgärtel
Nach Diktat der Leitkultur zur Fiesta der Vielfalt?
Tim Schmalfeldt
'Dualistische' Auffassungen, die das "Eigene" von den "anderen (Opfern)" trennen, führen schnell zu einer Vereinnahmung von Vielfalt durch die "eigene" Norm.
Kultur als eine Massenvernichtungswaffe?
Wanda Wieczorek
Kultur auf dem europäischen Sozialforum 2004 in London. Ein Bericht.
911 - Zahlenmystik und Gedenken
Jan Kristian Wiemann
Zahlenspiele zu Ereignissen des 9. November
Sehr verehrte Gemeinde der letzten Raucher,
Jan Kristian Wiemann
Kleine Mediengeschichte der Zigarettenschachtel
Ein Universum des Kreuchens und Fleuchens
Andreas Otto
Springintguts Album "Posten 90" offenbart bei näherem Hinschauen ein mikrokosmisches Universum des Kreuchens und Fleuchens.
Medienwerk und Konsumobjekt
Rolf Großmann
In der Musikwissenschaft scheint ein Paradigmenwechsel vonnöten. Thesen zu einer Ästhetik der medialen Existenz von Musik.
Rezeption, Kommunikation, Interaktion. Konzepte der Klanginstallation
Rolf Großmann
Eine besondere Perspektive auf Klanginstallationen: Nicht das vom Künstler vielleicht imaginierte "Werk" steht im Zentrum, sondern Konzepte von Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten in klanglich "installierten" Räumen.
Wer denkt, verliert!
Heiko H. Gogolin
Viewtiful Joe redefiniert Videospielprügeln im Comic Gewand: Henshin-A-Gogo!
... weil ich denke, dass dieses Bild eine Geschichte in sich birgt...
Wanda Wieczorek
Eine Ausstellung in Dresden belebt die Auseinandersetzung um das ästhetische Erbe des Sozialismus
Wünschen im Wolkenbügel
Anika Heusermann
Auf dem Gelände des Hamburger Projekts Park Fiction soll ein Institut für unabhängigen Urbanismus entstehen
Mobile Art auf der Ars Electronica
Frauke Behrendt
Auf der ArsElectronica 2003 zeigt sich die Mobile Art als ein neues Genre der Medienkunst.
form follows fiction
Timo Meisel, Wanda Wieczorek
In Hamburg sucht sich der Widerstand gegen neoliberale Stadtplanung neue Formen.
The Floating World - das Burning Man Festival 2002
Kerstin Niemann
Kerstin Niemann berichtet vom Burning Man Festival 2002.
zerstreut radio hören
Wanda Wieczorek
Lignas Radiodemo zerstreut mit Hilfe ihrer Hörer politische Artikulation im öffentlichen Raum.
Same Procedures As Every Year. Der Gamesrückblick
Nils Dittbrenner, Heiko H. Gogolin
Welche Games bot das Jahr 2002? Ein Jahresrückblick.
Refer To Sender
Timo Leder
Von dem Paradox der Unentscheidbarkeit, das auch vor der KI- und KL-Forschung nicht halt macht.
CODeDOC
Michael Thomas
Undesign Software! "Software Art" spielt mit offenen Karten und gewährt so den Blick hinter die Kulissen der Netzkunst.
Harms Techno-Sommer
Harm Bremer
der techno[festival]sommer neigt sich dem ende zu. zeit, ein kleines resümee zu ziehen.
Michel Foucault und die Künste
Stephanie Bunk
Wenn sich fast nur "Alte Freunde" zum Gedenken treffen, gehen einige Chancen, dem Denken Michel Foucaults aus aktueller Perspektive gerecht zu werden, flöten.
Machinima: Ab ins eigene Studio
Heiko H. Gogolin, Nils Dittbrenner
Animationsfilme drehen mit Quake: Heiko und Nils erklären, wie es kam, wie es geht und wohin.
Nur Anfassen ist verboten
Chris Koever
Die Ars Electronica in Linz widmet sich den blinden Flecken der Globalisierung
Von Meuterern, Revolutionen und anderen Zusammenhängen
Hilmar Schäfer
Betrachtungen über das Schiff und andere Heterotopien.
doc11.doc
Karin Prätorius
documenta 11 - Handreichung und Top 10
Sónar 2002: Das große Auswärtsspiel
Kirsten Riesselmann
Die Sónar in Barcelona, eines der größten Festivals für elektronische Musik, lässt sich nur als ambivalentes Vergnügen erfahren.
Anleitung zum Wohnen im real existierenden Funktionalismus
Timo Meisel
In seltenen Fällen destillieren Sach- und Lehrbücher die Essenz des Zeitgeistes. Die Wohnraumfibel aus der DDR von 1972 ist ein solches Buch.
Manifesta 4
Karin Prätorius
Die Kuratorinnen der Manifesta 4 setzen auf Transparenz und kaum bekannte europäische KünstlerInnen
Konrad Lischka: Spielplatz Computer
Nils Dittbrenner
Rezension von Konrad Lischka's Buch "Spielplatz Computer", Heise Verlag 2002
Die Sportsfreundin kritisch hinterfragt
Inga Koehler
www.sportsfreundin.de wird kritisch hinterfragt.
Mao tanzt Ballett
Wanda Wieczorek
Rundfunkballett - eine performative Aktion gegen die Folgen der Privatisierung des Hamburger Hauptbahnhofs.
Zur Öffentlichkeit des Cyberspace
Christian Steininger
Bisherige theoretische Konzeptionen von Medien und Öffentlichkeit haben Probleme damit, neue Medien zu fassen.
Kubistische Puzzlespiele V 1.2
Heiko H. Gogolin
Neuen Videospielen fehlt es konzeptionell und gestalterisch oft an Abstraktion und Innovation
Get Out!
Michael Thomas
Ob durch äußere Umstände erzwungen oder aus freiwilligen Antrieb initiiert, bedeutet Weggehen den Abschied vom Gewohnten.
Happy Surveillance
Kirsten Riesselmann
Panoramic Feedback-Systeme sollen dafür sorgen, dass sich Arbeitnehmer als 'Unternehmer ihrer selbst' begreifen.
SPACE (Teil 2): Raum und Realität im Wandel der Zeit
Jan Kristian Wiemann
Der Begriff der Realität hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte kontinuierlich gewandelt.
Women Facing Computer- And Videogames
Inga Koehler
Frauen werden im Gros der Computerspiele mit reaktionären und diskriminierenden Darstellungen ihrer Selbst konfrontiert.
SPACE (Teil 1): Heaven and Sky
Jan Kristian Wiemann
Tour d'Horizon der Raumtheorien - Teil 1 der Retrospektive auf vergangene Raumvorstellungen
Das Spiel spielt Dich
Heiko H. Gogolin
Electronic Arts verwischt mit dem Online-Game Majestic die Grenzen zwischen Spiel und Realität.
Dogma 2001: Technologie vs. Kreativität
Heiko H. Gogolin
Spiele werden lediglich technisch immer aufwändiger und teurer, anstatt Storylines und innovatives Gameplay weiterzuentwickeln.
Interview mit team chman
Nils Dittbrenner
Ein Gespräch mit Stef, Yuck und Gunn, den Designern des Online-Adventures Banja.
Wodka-Honig auf Itland
Nils Dittbrenner
Für diejenigen, denen Online-Spiele bisher zu rasant, zu blutrünstig, zu schnell oder zu fordernd waren, gibt es jetzt einen Linktipp zum forwarden: www.banja.com