Andreas Otto, 27.07.04
Ich bin Springintgut, und ich möchte hier beschreiben, wie in einer langen Modifikationsphase mein erstes Album entstanden ist, das natürlich wesentlich anders klänge, würde es erst nächstes Jahr erscheinen. Auf "Posten 90", der Platte, um die es hier geht sind 8 Stücke Musik, der CD sind noch zwei Bonbons von meiner ersten E.P. (2002) mitgegeben worden. Vom Neujahrstag 2003 an habe ich an der Musik für "Posten 90" gearbeitet und im April 2004 hat Florian Grote das fertige Produkt gemastert. Es war eine Phase, in der der Uni immer weniger und dem kleinen Studio in meinem Haus im Wald immer mehr Zeit zuteil wurde.
Der Posten 90 ist ein ehemaliges Bahnwärterhaus im Wald nahe der Stadt Lüneburg, wo außer drei Bimmelbahnen täglich und einer Menge joggender Menschen nicht viel los ist. Zum Komponieren ist dieser Platz ideal. Vor sechs Jahren dachte ich, der perfekte Ort um Musik zu machen sei der Proberaum einer Band, später hielt ich ein üppig ausgerüstetes Tonstudio dafür. Der Sommer 03 zeigte mir, dass es für mich wohl das Dach meines Hauses ist, mit Sonnenschein und Kiefern, Powerbook und Mini-Midi-Keyboard.
Klangschnipsel, die ich zuvor mit meinem Cello, Perkussion oder Tonträgern auf meine Festplatte gespielt habe, lassen sich da oben wunderbar bearbeiten, subtraktiv oder additiv, in Tonhöhe und Dauer, bis ich ein großes Soundarchiv an Zwischenergebnissen habe, die ich zum Beispiel "grüne knete" oder "truthahn" nenne, weil sich die Namen so lesen, wie die Sounds klingen. Im Grunde müssen diese Klänge dann nur noch in ein ausgewogenes Verhältnis von Gleichzeitigkeit und Abfolge gebracht werden bis es groovt, und fertig ist der Track.
Zeitlichkeit ist für mich das oberste Prinzip, mit dem ich komponiere. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich von Haus aus Schlagzeuger bin. Am Schlagzeug machen fast alle Instrumente "punktuelle" Klänge: Eine Trommel hat eine klaren Akzent und schwingt sofort wieder aus. Die Ausnahmen sind die offene HiHat, die so lange rauscht, bis der Fuss sie wieder schließt, oder der Wirbel auf einer Trommel, dessen Zeitlichkeit durch die Dauer vieler Pressschläge in kurzer Abfolge bestimmt ist. Das könnte man "lineare" Perkussion nennen.
Die meisten meiner perkussiven Sounds speichere ich einmal als "Punkt" und einmal als "Linie", indem ich das Sample schnell loope, so dass ein Äquivalent zu einem Wirbel entsteht. Die Mundharmonika zum Beispiel erzeugt, wenn man sie 4 Oktaven höher abspielt, ein perkussives "tick". Als Wirbel klingt sie wie Giraffenhusten (man kann sich das im mp3 unten anhören). Diese beiden Klänge kopiere ich in den Softwaresampler von "Logic Audio" und dann kann ich mit der Tastatur den Rhythmus aus "Punkten" und "Linien" einspielen. Dass jedem Klick, Knack oder jeder Snare so eine Dauer zugeteilt werden kann, ist rhythmisch äußerst ergiebig und klingt angenehm hyperaktiv, denn jeder Trommler bräuchte dafür mindestens 8 Arme - abgesehen davon, dass sich eine Harmonika eigentlich nicht trommeln lässt.
Melodien verwirkliche ich oft mit tonalen Rhythmusinstrumenten wie Glockenspiel und gezupftem Cello, im Sinne der Aussage von Steve Reich: "Das Klavier ist ein Ensemble aus gestimmten Trommeln". Das zeitliche Verhältnis eines Tons zum Rest finde ich wichtiger als das harmonische, obwohl sich diese Parameter natürlich nicht so völlig getrennt behandeln lassen. Daher findet man auf "Posten 90" eine tight verwobene Textur aus Melodien und Rhythmus. Prinzipiell gilt: Lieber eine Melodie zuviel als eine zuwenig. So werden die Stücke sehr dicht, teils vielleicht sogar ein wenig chaotisch.
Eine Assoziation, die sich beim Blick aus meinem Fenster aufdrängt: die Waldwiese, die auf den ersten Sommerblick romantisch und friedlich daliegt, bei näherer Betrachtung aber ein mikrokosmisches Durcheinander freilegt, ein Universum des Kreuchens und Fleuchens. So erhoffe ich mir auch die Wahrnehmung meiner Musik: Wer sie oberflächlich hört, bemerkt, dass sie sich nicht direkt querstellt und den einen oder anderen Ohrwurm pflanzt; wer ihr Aufmerksamkeit schenkt, hört idealerweise ein bisschen von dem, was ich oben beschrieben habe. Gerade in den Wirbeln.
Seit Anfang Juli ist mein erstes Album da, mit einem super "copy/paste - Wald" - Cover von Jochen Ruderer, auf Vinyl und CD. Es ist beim Label Pingipung erschienen und wird von Kompakt und Westberlin-Medien vertrieben. Ich finde es großartig, es in den Händen zu halten. Und von Leuten zu hören und zu lesen, die es kennen und etwas dazu sagen.
hören: Ausschnitt aus Harmonika (giraffenhusten)
Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_36.php