Mobile Art auf der Ars Electronica

Frauke Behrendt, 10.10.03

Im weiten Feld der Medien- und Computerkunst taucht seit einigen Jahren immer mehr mobile Technologie auf. Noch wird dieser von mir als Mobile Art bezeichnete Bereich nicht als eigenes Genre wahrgenommen, die Werke sind in allen möglichen bestehenden Kategorien des Feldes zu finden.
Ich denke nicht, dass sich ein potentielles neues Genre nur über die verwendete Technologie definieren sollte. Aber neue Technologie bringt immer auch neue soziale und kulturelle Phänomene mit sich, wie es beispielsweise das Internet gezeigt hat. Und gerade die mobile Technologie verweist auf tiefgreifende Änderungen im sozialen und kulturellen Gefüge unserer Zeit. Künstler und Musiker thematisieren diese zunehmend durch den Gebrauch ebendieser Technologien.
Viele Werke der Mobilen Kunst sind noch nicht wirklich überzeugend, teilweise sehr technikverliebt, wie es oft in der Entstehungsphase eines neuen Genres zu beobachten ist (beispielsweise in den frühen Zeiten der Netzkunst). Aber sie lassen schon erahnen in welche Richtung die Entwicklung gehen wird, und laden dazu ein, sich selbst Gedanken über mögliche Projekte in dieser Richtung zu machen.
Auf der diesjährigen Ars Electronica in Linz waren auch einige Werke dieses potentiell neuen Genres der Mobilen Kunst zu finden. Die Ars Electronica ist seit nunmehr 24 Jahren ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, und nach den enttäuschenden letzten beiden Jahren hat sie sich dieses Jahr unter der Thematik Code wieder als besuchenswertes internationales Event beweisen können. Neben dem diesem Thema gewidmeten Symposien und Veranstaltungen werden jedes Jahr viele weitere Werke bzw. Installationen unterschiedlichster Kategorien ausgestellt.

Track the Trackers

Beim Werk Track the Trackers mit dem Untertitel Mapping and Sonifying Urban Scanscapes geht es darum, Überwachung im öffentlichen Raum hörbar zu machen. Teilnehmer werden mit einem Laptop in einer Tasche ausgestattet, an den Kopfhörer sowie einem GPS-Gerät angeschlossen sind. So ausgestattet läuft man durch die Stadt und hört Sounds, die durch die vom GPS-Gerät permanent an den Computer gesendeten Daten erzeugt werden. Wenn man sich einem Gebiet nähert, in dem viele Überwachungskameras kartographiert wurden, verdichtet sich der Sound, den man über die Kopfhörer hört. Die Anzahl der Kameras in der Umgebung des Teilnehmers werden durch Klopfgeräusche sonifiziert. Zusätzlich werden bei Annäherung an eine spezielle Kamera von einer computergenerierten Stimme Kommentare zu dieser Kamera vorgelesen, die von anderen Teilnehmern des Projektes zuvor hinterlassen wurden. Jeder ist angehalten selbst weitere Kameras zu finden und ins System einzuspeisen, sowie Kommentare zu den Kameras abzugeben. Dies geschieht, in dem über eine an der Laptoptasche angebrachte Maus der Ort der Kamera markiert wird, und dieser Punkt gemeinsam mit handschriftlich gemachten Notizen später über das Internet an die Datenbank gesendet wird. Während der Teilnahme ist man also nicht mit dem Internet verbunden, es wird jeweils vor Beginn die jeweils aktuelle Datenbank auf den Laptop übertragen, und die Veränderungen am Ende an diese übertragen.

Noch sind für solche Projekte Laptops nötig, die zwar immerhin mobil sind, aber in speziellen Taschen umhergetragen und extra zur Verfügung gestellt werden müssen. Außerdem ist die Verbindung zum Internet schwierig. Bald werden bei solchen Projekten statt der Laptops Handys eingesetzt werden können, was neben einer ständig möglichen Verbindung zum Internet den Vorteil hat, dass jeder ein solches Gerät besitzt, weshalb sich der potentielle Teilnehmerkreis erheblich erweitert.
Zentral bei Track the Trackers ist auf der einen Seite, dass die Daten nicht visualisiert, sondern sonifiziert werden. Die Kameradichte und -Nähe wird intuitiv hörbar, das Sehen bleibt frei für das Aufspüren neuer Kameras. Auf der anderen Seite ist bei diesem Projekt wichtig, dass die Datenbank mit Überwachungskameras kollektiv von allen Teilnehmern gefüllt wird. Wobei es nicht um eine möglichst vollständige Erfassung sämtlicher Kameras geht, sondern vielmehr um den persönlichen Zugang, die vielen möglichen Perspektiven, die durch die Kommentare dokumentiert werden.

Human Pacman

Im Futurelab des Ars Electronica Centers wurde eine Anwendung gezeigt, die Gamer-Herzen höher schlagen lässt. Der Spieleklassiker Pacman wird mit Hilfe mobiler Technologie in den realen Raum geholt. Noch läuft Human Pacman nicht auf dem Handy, die Entwicklung in dieser Richtung hat aber bereits begonnen, wie mir Projektteilnehmer Kok Hwee vom Mixed Reality Lab der National University of Singapore berichtete. Bisher muss man sich noch einem Rucksack aufsetzten, in dem ein Laptop und ein GPS-Gerät verstaut sind, sowie einen Head Mounted Display tragen. Darauf sieht man ein Live-Videobild seiner Umgebung- und darin die aus Pacman bekannten Kugeln und Juwelen, die man „fressen“ muss. Man läuft im Raum herum - in diesem Fall im Futurelab der Ars Electronica in anderen Fällen beispielsweise auf dem Campus der Universität – und „frisst“ diese Gegenstände, in dem man durch sie hindurch läuft. Dabei muss man natürlich darauf achten, keine anderen Menschen umzulaufen und sich immer wieder neu im Raum orientieren um weitere virtuelle Gegenstände zu finden.
Diese Verbindung von echter Bewegung im realen Raum mit der virtuellen Welt der Computerspiele durch mobile Technologie schafft es sogar hartnäckige Game-Muffel wie mich zu faszinieren.

Can You see me now?

Die Ars Electronica vergibt jährlich prestigeträchtige Preise in unterschiedlichen Kategorien. Der diesjährige Preisträger in der Kategorie Interactive Art ist ebenso wie Human Pacman ein Beispiel für Arbeiten im Bereich des Mobile Gaming. Hinter Can You See Me Now? des britischen Künstlerkollektivs Blast Theory verbirgt sich ein relativ simples Spiel, eine Mischung aus Fangen und Verstecken. Es gibt zwei Gruppen: Die eine besteht aus Avataren, die sich verstecken, bzw. flüchten, sie werden von Onlinespielern erzeugt und auf dem virtuellen Stadtplan einer Stadt bewegt.

Die andere Gruppe besteht aus den Läufern, die in der realen Stadt umherlaufen und die Avatare zu fangen versuchen. Sie sind ausgestattet mit einem Handheld, der mit einem GPS-Gerät verbunden ist. Darauf sehen die Läufer den virtuellen Stadtplan inclusive der Standorte der Avatare und sich selbst.

Botfighters

Auf der Ars Electronica war auch 2002 mit Botfighters von It's Alive ein weiteres Projekt aus der Kategorie Mobile Gaming zu sehen. Dabei handelte es sich um ein Shooter-Game, bei dem die Teilnehmer durch die Stadt liefen und sich gegenseitig per SMS abschießen konnten.

Die schwedische Firma t's Alive hat noch weitere Handyspiele für den realen Raum entwickelt, die sehr sehenswert sind. Botfighters bekam eine Auszeichnung in der Kategorie Net Excellence, Can You see me now? fiel in diesem Jahr allerdings in die Kategorie für Interaktive Art. Das zeigt die Unsicherheit bei der Einteilung von Werken, die mit mobiler Technologie arbeiten und lässt erwarten, dass dafür bald eine eigene Kategorie Mobile Art eingeführt wird.

Paintball und eine Telesymphony

Bereits im Jahr 2001 waren zwei Werke mit Handyeinsatz auf der Ars zu finden, beide allerdings nicht im bisher skizzierten Bereich des Mobile Gaming. Paintball lud mit der Aussage „If you don' think this is art, call this numer“, die auf einer riesigen öffentlichen Leinwand zu finden war, dazu ein die darunter stehende Nummer anzurufen. Bei jedem Anruf wurde aus einer Art Katapult ein Farbklecks auf die Leinwand geschossen, dies sich im Laufe des Festivals immer weiter füllte.

Im gleichen Jahr wurde Golan Levins Dialtones. A Telesymphony aufgeführt, bei dem die Handys der Zuschauer zum Orchester wurden, die gemeinsam mit dem Solisten, der auf fünf Handys spielte unter der Leitung des Dirigenten Levin eine sehr spannendes Werk entstehen ließen.

Die Zukunft des mobilen Kunst

Das Feld Mobiler Kunst mit den Bereichen Mobile Gaming, Handymusik und vielen weiteren ist gerade erst im Entstehen begriffen, wie die auf der Ars beobachteten Projekte zeigen. Aber natürlich finden sich nicht nur dort Beispiele für dieses entstehende Genre. Auch auf anderen Kongressen und Festivals wird dieses Thema zunehmend wahrgenommen, auf der next five minutes, die im Anschluss an die Ars Electronica in Amsterdam stattfand, waren Projekte zu finden, die mobile Technologie im Bereich der tactical media nutzen, beispielsweise Handys für eine kritische Berichterstattung im Bereich des Medienaktivismus kreativ nutzen.
Interessant ist auch, dass mobile Technologie in immer neuen Zusammenhängen Beachtung findet, so war etwa auch beim Gründungskongress des Instituts für Nomadologie.

Besonders prominent nimmt sich die ISEA 2004 des Themas an. Das International Symposium on Electronic Arts (14. bis 22. August 2004) konzentriert sich in Helsinki auf Wireless Experience, in Stockholm auf Networked Experience und in Tallin auf Wearable Technology. Auf der zwischen diesen Orten verkehrenden Fähre kommen alle Symposiumsteilnehmer und Künstler zusammen um sich mit Workshops, Installationen usw. dem Thema Mobile Art anzunähern. Diese Veranstaltung wird die Positionierung der Mobile Art als eigenes Genre vorantreiben, und sollte im nächsten Sommer auf keinen Fall verpasst werden.

Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_30.php