Das Jahr 1956 gilt als das Geburtsjahr der Künstlichen Intelligenz. Zu einem Workshop in Dartmouth treffen sich zehn Männer und heben eine Wissenschaft aus der Taufe, die künftig unter dem Titel Artificial Intelligence die Welt erobern soll. Es scheint, als sei nun die Zeit gekommen, die Erkenntnisse und Voraussagen von Turing und von Neumann in die Tat umzusetzen. In ungebremster Euphorie formulieren die Herren, unter ihnen Minsky, Shannon, McCarthy und Rochester, nicht nur die Ziele der bevorstehenden Forschungen, sondern gleich auch deren Ergebnisse. In zehn Jahren, so die Prognose von 1956, werde man in der Lage sein, Maschinen zu bauen, die den Menschen im Schach schlagen oder eigenständig mathematische Theoreme entwickeln. Mehr noch: In zehn Jahren werde man die Aussagen der Psychologie auf die künstliche Psyche der Maschine anwenden können. Der Mythos ist unübersehbar - nein: unüberschaubar.
Dollarmillionen werden in den Folgejahren in die KI-Forschung investiert, doch die erhofften Ergebnisse bleiben aus. Zehn Jahre sind bald vergangen, der Computer aber fällt immer noch auf den Schäferzug herein. Es bricht bald der sogenannte Winter der KI-Forschung herein, die Forschungsgelder werden wieder weitgehend reduziert, es wird langsam still in den KI-Labs.
Natürlich hat sich inzwischen auch Widerstand formiert, die Kritiker der KI sind zahlreich und prominent, und sogar aus den eigenen Reihen verliert die KI-Forschung einen ihrer besten Köpfe: Joseph Weizenbaum, Entwickler der redseligen ELIZA, wird zu einem der erfolgreichsten Gegner der KI-Utopien.
1987 holt die Achse des Künstlichen in einem von Chris Langton organisierten Kongreß zu einem erneuten Schlag aus und wirft einen neuen Begriff ins Rennen: Artificial Life. Flucht nach vorn, könnte man sagen. Das Paradigma ändert sich: Sprach man bisher von der Natur des Künstlichen, so beginnt man nun nachzudenken über die Kunst des Natürlichen. Marvin Minsky dürfte einer der wenigen, vielleicht der einzige gewesen sein, der die Initialzündungen beider Paradigmen miterlebt hat. Er muß 1987 an ein Déjà-vu geglaubt haben: wieder ein Kongreß, wieder ein Programm, wieder ein Mythos. Und wieder wird mit großen Prognosen der Weg zu weiteren Forschungsmillionen geebnet: In fünfzig Jahren werde eine völlig neue Klasse von Organismen unseren Planeten bewohnen.
Novum, wo bist du? Eine klare Differenz zwischen Künstlicher Intelligenz und Künstlichem Leben ist wohl kaum möglich, zumal es die üblichen Verdächtigen sind, die nun als Phönix aus der KI-Asche steigen. Die Forschung nach dem Künstlichen Leben hat aus den Fehlern der Künstlichen Intelligenz gelernt und setzt evolutionär gesehen früher an. Nicht die kognitiven Fähigkeiten von weitentwickelten Vielzellern dienen als Schablone für die eigenen Schöpfungen, sondern die Strukturen des primitivsten Lebens werden nachgebildet. Daher sind KL-Systeme verhaltensbasiert und nicht wissensbasiert wie Künstliche Intelligenzen. Die Erfolge sind zunächst beeindruckend. Beispielsweise das Tierra-Experiment erzeugte über die Grenzen der KL-Forschung hinaus eine hohe Resonanz. Es gelingt Thomas Ray, eine Künstliche Evolution im Computer zu initialisieren, welche selbständig eigene Wege geht, neue Arten generiert und spezialisierte Formen des Künstlichen Lebens erschafft, die natürlichen Lebensformen vergleichbar scheinen. Der Arbeitsspeicher des Tierra-Computers wird zum Lebensraum von Populationen, die als Fleisch-, Aas- oder Pflanzenfresser klassifiziert werden können.
Wie der Diskurs zeigt, ist die Frage nach dem Leben kaum leichter zu beantworten als die Frage nach der Intelligenz. Strukturell gesehen haben wir es in der KL-Debatte mit den selben argumentativen Positionen zu tun, wie sie schon zu Zeiten der Künstlichen Intelligenz vertreten wurden. Während die Forschung nach den Bedingungen der Möglichkeiten sucht, unterstellen die Kritiker hier wie da die theoretische Unmöglichkeit, die Natur in technischen Formen abzubilden. Gedankenexperimente wie das Chinesische Zimmer oder die Zettelsimulation des Tierra-Experiments können uns zu einer realistischen Einschätzung des Forschungsstands verhelfen, sie zeigen aber auch eine gewisse Hilflosigkeit, diese Aussichtslosigkeit der KI/KL-Bemühungen tatsächlich zu belegen. Es scheint, als sei die Frage nach dem Leben oder nach der Intelligenz prinzipiell nicht zu beantworten. Läßt sich dies beweisen? Kurt Gödel hat den Beweis für den Bereich der Booleschen Algebra vollzogen. Sein Theorem besagt, daß es in einem axiomatischen System Sätze gibt, die weder bewiesen noch widerlegt werden können. Gödels Schlußfolgerung lautete, daß jede axiomatische Methode ihre Grenzen habe und somit unvollständig sei. Jedoch befinden wir uns mit unserem Problem nicht in einem axiomatischen System. Und nun?
"Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt", stellen Maturana und Varela fest. Ihre Erkenntnis ist von zentraler Bedeutung für diese Überlegungen, denn sie zeigt die immergleiche aber verborgene Unterstellung der KI und KL, daß ein Beobachter Aussagen über sich selbst treffen könne. Als Lebende versuchen wir, die Prinzipien des Lebens zu entdecken, und als Denkende suchen wir nach der Wurzel der Intelligenz. Es scheint, als hätten wir es hier zwangsläufig mit jenen unbequemen Paradoxien zu tun, die immer dann auftauchen, wenn wir es mit Selbstbezüglichkeiten zu tun haben.
George Spencer Brown hat mit seinen "Gesetzen der Form" eine Theorie der Unterscheidung entwickelt, die grundlegend für die neuere Systemtheorie geworden ist. Der Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Annahme, daß jede Beobachtung eine Unterscheidung voraussetzt, welche das Beobachtete von dem Nichtbeobachteten trennt. Diese Erkenntnis ist in ihrer Banalität die unausgesprochene Implikation aller Differenztheorien, sie rutscht jedoch immer wieder aus dem Blickfeld, sobald man sich der Betrachtung eines Problems annimmt. Mit anderen Worten: Man kann niemals beides auf einmal sehen: die Unterscheidung und das Unterschiedene. Der Beobachter ist für die Unterscheidung, die seine Beobachtung voraussetzt, blind. Oder ist immer auch und, aber das und ist für das oder unsichtbar. Die Systemtheorie hilft sich an dieser Stelle mit der Beobachtung zweiter Ordnung. Sie beobachtet Systeme durch die Unterscheidungen anderer und versucht auf diese Weise, Aussagen über die Funktionsweisen von Systemen zu treffen. Was aber passiert, wenn das System der Beobachter selbst ist? Wenn zum Gegenstand der Beobachtung die Beobachtung wird, nicht als Beobachtung eines beliebigen Problems, sondern als Beobachtung per se, als Gabe, beobachten zu können? Es geht hier um die Vollmacht, eine Unterscheidung treffen zu können - wer hat sie uns gegeben?
Paradoxien wie diese stellen seit jeher einen Reiz für dieses merkwürdige Wesen dar, welches sich in die Lage versetzt sieht, seiner selbst bewußt zu sein. Wir können in ihnen eine Spur unserer eigenen Beschaffenheit erahnen und müssen uns zugleich mit der Unmöglichkeit arrangieren, uns selbst jemals gänzlich verstehen zu können. Sokrates ist vielleicht der erste okzidentale Denker, der dieses Moment der Erkenntnis festhält:
Zu welcher Gruppe zählen wir uns selbst? Nun wird deutlich, worauf es hinausläuft: Beide Positionen, Vertreter wie Gegner der Forschung nach Künstlichem Leben und Künstlicher Intelligenz, gehören zu der Gruppe derer, die von ihrem Unwissen nicht wissen. Und doch können wir uns selbst im Bewußtsein dieses Umstandes nicht der Notwendigkeit entziehen, einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Wenn wir nicht gelähmt erstarren wollen, müssen wir eine Antwort auf die Frage geben, die doch aber prinzipiell nicht zu beantworten ist. Noch nicht einmal die Zeit, die Luhmann häufig zur Entschärfung von Paradoxien anführt, kann uns aus diesem Dilemma helfen. Sie scheint vielmehr gegen uns zu arbeiten, denn der weitere Fortschritt macht das Problem nur dringender. Einen pragmatischen Hinweis liefert uns Heinz von Förster, wenn er feststellt: "Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir selbst entscheiden." Aber, und hier verortet von Förster die Entstehung von Ethik, mit einer Entscheidung geht die Verpflichtung einher, Verantwortung für diese zu übernehmen.
<<"Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt", stellen Maturana und Varela fest.>>
Bei Maturana setzt meine Frage an: in wie fern haben sich denn die Forscher der KI und KL explizit auf Maturanas Begriff der Autopoiesis bezogen? Man könnte sich ja durchaus vorstellen, dass diese aus der Biologie entwickelte Konzeption einen fruchtbaren Ansatzpunkt für die Simulation von Lebenszyklen bietet. Gibt es solche Versuche in der KI/ KL? Und kennt man die Position zeitgenössischer Systemtheoretiker zu diesem Ansatz?