CODeDOC

Michael Thomas, 11.10.02

Schon lange zeichnet sich im Bereich der Netzkunst ein neuer Trend ab: War es anfangs noch interessant, vernetzten Informationsstrukturen im Web nachzuspüren, bestehende Systeme zu manipulieren oder neu zu definieren, so ist es nun das Schreiben und Bereitstellen zumeist eigenständig funktionierender Softwarepakete, mit der sich Netzkunstprojekte verstärkt auseinandersetzen - man denke etwa an jüngere Arbeiten von Jodi, aber auch an I/O/D's Klassiker "Webstalker" .

Auch das New Yorker Whitney Museum beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Phänomen der sogenannten "Software Art" und stellt nun unter dem Titel "CODeDOC" zwölf Projekte vor, die auf dem Artport-Server präsentiert werden. Darunter nicht nur bereits etablierte, in der Regel männliche Protagonisten wie Golan Levin, Mark Napier oder Alex Galloway, sondern mit Camille Utterback und Mary Flanagan auch zwei Künstlerinnen. Einen wichtigen Platz in der Präsentation, die von Christiane Paul kuratiert wurde, nimmt dabei nicht allein das "front end", also das eigentliche Endresultat ein. Vielmehr soll das Augenmerk der Nutzer auch auf den sogenannten "core", der als ursprünglicher Quellcode jeder Softwareanwendung, sei es ein seriöses Arbeitsprogramm oder ein actiongeladener 3D-Shooter, zu Grunde liegt, gerichtet werden. Und tatsächlich - didaktisch in gewisser Weise einmalig - wird so zunächst der Source Code der einzelnen Projekte geladen. Erst danach lässt sich das eigentliche Resultat, das sogenannte "back end", aufrufen. Das digitale Produkt rückt so von seiner reinen Oberflächenwirkung als 'Design' wieder zurück in den Bereich der Schrift, indem es zunächst in seiner spezifischen Programmiersprache vorgeführt wird. Doch auch wenn auf diese Weise zumeist nur dem avancierten Programmierer ein Einblick hinter die Fassade einer Softwareroutine ermöglicht wird, steht auch der unbedarfte Laie nicht aussen vor, wird er doch zum Beispiel über die Kommentare des Programmautors mitunter auch an die konzeptuellen Überlegungen des Künstlers herangeführt. Vielleicht ist es in der Tat an der Zeit, ein begleitendes Manual nicht nur in Webdokumenten versteckt mitanzubieten.

http://artport.whitney.org/commissions/codedoc/

Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_24.php