Harms Techno-Sommer

von Harm Bremer, 06.10.02
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viele elektronik-veranstaltungen unterschiedlichster styles, größenordnungen und party-people tummelten sich da in den guides für feierdeutschland. start in den noch recht kalten frühsommernächten war für uns die fusion, "electronic music and arts-festival" auf und um ehemalige flugzeughangars an der müritz. gezeltet wurde auf grünen wiesen; die grenze zwischen campsite und festivalgelände war fließend. sehr entspannt für den durch anfahrt und eintritt eh schon strapazierten geldbeutel, konnte man food und liquids doch einfach mit zur partyzone nehmen. die kulinarische umsorgung seitens der veranstalter mutete sowohl von der auswahl als auch von der aufmachung recht goalike und hippiesque an. war optisch vielleicht nicht jedermanns sache, wurde von den beteiligten aber mit herz statt profitdenken gemacht, was sich nicht zuletzt in den wirklich fairen preisen niederschlug. musikalische vielfalt stand nicht nur im, sondern war auch programm dieser party. akustisch gabs wirklich für jeden etwas, da sich ein vielfältiges musikspektrum auf zahlreiche hangars und open-air-bühnen verteilte. von ganz analoger zigeunermusik mit 7/4-takt bis hin zu technoiden 4 2 the floor-klängen fand sich einiges wieder, was momentan im kontext zeitgemäßer musik so am start ist. ein großteil der darbietungen kam live daher und verband analogisten wie digitalisten in einem fusionsprojekt [hammer: muddling thru' - zwei djs, ein schlagzeuger - freakin' breakbeats]. für die augen wurde kurzfilmkino auf ungewohnt großer projektionsfläche und unerhört guter anlage geboten [tip: quest]. nice!

als gestandener techno-addict braucht man zum feiersommer jedoch auch die konsequente schiene - wie sie im lineup der nature one zu finden ist. nach neunstündiger fahrt in den hunsrück, erniedrigender polizei-observation und parkplatzstau bekamen wir endlich unsere kleine parzelle auf der mega-campsite zugeteilt. eine viertelstunde fußmarsch entfernt vom zelt fand sich schließlich das eigentliche festivalgelände, vorbei an der zweiten polizeikontrolle direkt hinter der security (nix kommt mit rein). zuckerwatte- und süßigkeitenbuden verliehen der ehemaligen raketenbasis einen pazifistischen kirmes-charme... however, es ging ja schließlich um die musik, und die war wirklich phatt: vom fulminanten boxenquäler rush bis hin zur thunderdome-posse war wirklich alles da, was rang und namen im großen techno-zirkus hat. musikalisch zeigten sich die acts hart und minimalistisch. live gabs hier weniger zu sehen als zu hören, was in der machart dieser form von elektronischer musik begründet liegt und genau so sein muss. geil!

weniger geil war, dass man bei verlassen des geländes trotz 55 euro-wochenendkarte für drei euro ein bändchen kaufen musste, um wieder rein zu gelangen. wenn das noch keine abzocke war, dann vielleicht der preis von 4 euro für ein dermaßen fett gefeaturetes cola-bier-mixgetränk, dass man eigentlich glauben sollte, man bekäme es for free. aus der werbung einschlägig bekannte pizzabäcker sorgten sich neben zusammengecasteten zigarettenmädchen um ihr finanzielles wohl. dass der obligatorische bungeesprung für den erlebnisraver nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst... anyway, die leute ließen sich vom feiern nicht abhalten und sorgten auch auf dem campingplatz durch zahlreiche autarke soundsystemz für permanenten bassdruck, so dass zumindest musikalisch non stop feierspaß angesagt war.

selbiger fand sich auch auf der lovefield wieder, die zum ersten termin aufgrund der sintflutartigen regenfälle buchstäblich ins wasser fiel und verlegt werden musste. der zweite anlauf verteilte sich dann auf drei phantastische spätsommertage auf einer location inmitten von kuhwiesen und maisfeldern. der oktophonisch beschallte mainfloor wurde nonstop von gummigoabässen durchgeknetet, deren anhängerschaft auch die mehrzahl der festivalbesucher stellte. elektroakustisches alternativprogramm bot sich auf der live-bühne, wo sich zarte gitarrenklänge der havanna boys zur mpc gesellten. der tagsüber zu unrecht verschmähte floor der drum 'n bass-fraktion bildete das highlight des festivals. die absolut oberstylee daherkommende zeltkonstruktion hielt drei tage lang den unerbittlichen bässen und breakbeats einer posse stand, die sich in den besten tagen ihrer sturm- und drangzeit befindet und zu feiern weiß. djs und mcs heizten der crowd dermaßen ein, dass einem nicht nur das trommelfell, sondern auch die optik zu flimmern begann (wer mal direkt vor den massiven bassboxen stand weiß, wovon ich spreche...). kein anderer floor bot einen dermaßen brachial groovenden sound, der ein sonische urgewalt heraufzubeschwören verstand, wie man es sonst nur von der analog-verzerrten fraktion kennt [favorite: da kee - phatteste deutsche ragga breakz]. geht absolut klar!

der festivalsommer vermochte es einmal wieder, unterschiedlichste menschen tagelang ihre vorstellung von musik, alternativem leben und kollektivem feiern ausleben zu lassen. jeder hatte die möglichkeit, sich für ein paar tage alltagsnormen zu entziehen und, mehr oder minder gekoppelt an temporäre bewusstseinszustände, eine höhere ebene an selbstverständnis und empathie zu erlangen. oder einfach nur glücklich zu sein und zu tanzen. drei interpretationen von vielen konzepten, festivals für elektronische musik und kunst aufzuziehen. der spielraum für derlei ist groß und, wie sich zeigte, bei weitem noch nicht ausgereizt. also: die besten facts der unterschiedlichen veranstaltungen identifizieren, auf eine geschwindigkeit bringen, viel mehr jungen nachwuchs-anteil einschleifen, crossfader geschmeidig auf kommenden sommer zentrieren und den gain rush noch etwas höher drehen ;)

greetz
harm

 

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