Nur Anfassen ist verboten
von
Chris Koever, 23.09.02
Was es für verheerende Folgen nach sich zieht, wenn die Organisatoren der Ars Electronica sich vornehmen, "sich den blinden Flecken der Globalisierung, jenen Barrieren mentaler wie geografischer Art, an denen der Anschluss und die Teilnahme an dieser globalen Vernetzung [...] nicht möglich, nicht erlaubt oder auch gar nicht gewollt werden" zu widmen, das durften die Besucher des diesjährigen UNPLUGGED Symposiums fünf Tage lang in Linz mitverfolgen. Bereits am ersten Konferenz-Nachmittag machte sich beim Thema "Artistic Aggression" ein unguter Beigeschmack bemerkbar, als Jay Rutledge, "expert for African pop music" aus Deutschland, dem zunächst noch interessierten Publikum vorführte, dass afrikanische Musiker, entgegen aller Erwartung, ja auch Menschen seien, und zudem auch noch ganz zivilisierte. Einige von ihnen seien sogar schon in der Lage, sich digitaler Hilfsmittel zur Produktion ihrer Musik zu bedienen, obwohl ihnen das zu Beginn noch ein wenig Angst machte.
Auch die Vorträge der Senegalesischen Modedesignerin/Internetcafébetreiberin Oumou Sy und des Nigerianischen Kurators, Medienkünstlers und Häuptlingssohnes Davis O. Nejo konnten wenig dazu beitragen, den in der westlichen Welt vorherrschenden Vorurteilen gegenüber "den Afrikanern" entgegenzuwirken. Während Oumou Sy meinte, schon zu Beginn ihres Vortrages klarstellen zu müssen, dass sie trotz ihrer illiteracy als intelligent gelten könne, argumentierte Nejo mit einem solch spirituellen Vokabular, dass sich das anwesende Publikum, anstatt sich dem womöglich anstrengenden Versuch stellen zu müssen, zu verstehen was hier verhandelt wurde, beruhigt auf seinen Vorstellungen vom mysteriösen "Anderen" niederbetten konnte.
Erst wer sich nach einer weiteren Reihe schleppender Vorträge zum aktuellen Zustand der Kommunikationsinfrastruktur auf dem afrikanischen Kontinent ("Wiring Africa") immer noch traute, beim Symposium zu erscheinen, wurde mit spannenden Paneldiskussionen über Themen wie globale Medienmacht, Kunst und Politik oder dezentralisierte Netzwerke belohnt. Bis es dazu kam, hatte allerdings schon eine Vielzahl der Teilnehmer, angesichts so viel gescheiterter political correctness, die Konsequenzen gezogen, und blieb den Vorträgen lieber gleich fern.
All dies ist bedauerlich, hätte es doch mit Sicherheit verhindert werden können, hätten sich die Organisatoren nur im Vorfeld ambitioniert genug gezeigt, sich mit der schon seit geraumer Zeit geführten Postkolonialismusdebatte vertraut zu machen. Dann wäre es womöglich auch nicht nötig gewesen, Diskussionen über Fragen wie 'Identität' auf eine Art und Weise zu führen, als ob es den Diskurs der gesamten 90er Jahre zu diesem Thema nie gegeben hätte. Stattdessen und deshalb noch nicht einmal in der Lage, die intellektuelle Verantwortung zu übernehmen für den Verlauf eines Symposiums, in dessen Hauptfragen sie sich selber nicht auskannten, schien es, als entschieden sich die Organisatoren lieber dazu, Menschen zusammenzukuratieren, die den Eindruck erweckten, als könnten sie das eine oder andere zu der Thematik beitragen. Sei es, weil sie aus "Afrika" kommen, oder weil sie sich gerne mit "Afrikanern" beschäftigen ("Meine Hobbies sind..."). Damit wurde lediglich das bereits vor zwei Jahren erprobte Schema von "Next Sex" wiederholt: Damals durften Frauen über "Frauenthemen", Gender und Sexualität reden, diesmal Afrikaner über Afrika. Nur gut, dass man jetzt, nachdem das Thema abgehandelt ist, gemäß den Konsequenzen, die "Next Sex" für die Anzahl der in den folgenden Jahren zu dem Symposium eingeladenen Frauen hatte, nicht zu befürchten braucht, auf der Ars Electronica bald wieder auf "Afrika-Themen" zu stoßen. Zumindest für die nächsten fünf Jahre oder so.
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