Karin Prätorius, 23.07.02
Weil der September immer so plötzlich kommt, hier die Mahnung an alle noch nicht Dagewesenen: Achtung! Nicht die documenta 11 verpassen! Die lohnt sich unbedingt! Das ganze kommt sehr souverän und brimboriumfrei daher, große Gesten hat man schließlich als unangefochtene Königin der Kunstausstellungen auch nicht nötig. In diesem Ambiente wirken die Arbeiten enorm seriös, und einigen, z.B. der sehr gelungenen Präsentation von Park Fiktion, bekommt das erstaunlich gut.
Die MacherInnen haben es geschafft, bei einem sehr geschlossenen Gesamteindruck jedem der vier Hauptausstellungsorte einen eigenen Charakter zu geben, ohne dabei in penetrante Schubladensortiererei zu verfallen. Oft ergänzen sich benachbarte Positionen, sehr selten stören sie sich - bei der Vielzahl von geräuschvollen (Video)Arbeiten ein Kunststück für sich.
Wegen der vielen Videoarbeiten sollten die ganz Harten ca. eine Woche einplanen, um auch wirklich alles anzugucken, die weniger Ehrgeizigen kommen gut mit zwei Tagen aus. Schlafplätze gibt's im Cocoon, dem "sleeping project" von Jan Hoet jr., mit 18€ für die Nacht im Loft-Schlafsaal inkl. Frühstück nicht wirklich billig, aber dafür sehr freundlich, sehr zentral, sehr funky (Cocooning-Loft, Sandershäuser Str. 34, 34125 Kassel, info@cocooning-loft.de, Tel.: 0561-9532548).
Aber auch die ganz Eiligen sollten bestimmte Arbeiten nicht verpassen. Hier also meine persönlichen Top 10:
Ganz oben stehen Solid Sea von Multiplicity und The Atlas Group Archives von Walid Raad (Kulturbahnhof). Es sage nie wieder jemand, Kunst könne nicht gleichzeitig politisch relevant, bewegend und ästhetisch gelungen sein. In Raads Fall ist sie dazu auch noch witzig und schafft hütchenspielerschnelle Wechsel der Realitätsebenen. Bei allem Wissen um die Fiktionalität des Gezeigten: die Nuß ist immer schon im anderen Becher.
Allan Sekulas Fish Story (Brauerei) lebt von einer anderen Art von Ebenenwechsel: Ästhetische, dokumentarische und narrative Elemente sind hier so leichthändig miteinander verschränkt, daß die Diskrepanz zwischen dem, was zu sehen ist und dem, was gezeigt wird, wie nebenbei mit zum Thema der Arbeit wird. Diese Diskrepanz kennzeichnet zahlreiche der ausgestellten Arbeiten, viele davon erschließen sich nicht ohne Erläuterung, wie etwa durch den Kurzführer.
Dem sollte man aber auch nicht alles glauben, manchmal, z.B. bei Lorna Simpsons 31 2002 (Brauerei), steht auch Unfug drin. Zu sehen sind nicht zwei Frauen/ein Tag sondern 31 Tage/eine Frau. Die (inszenierte) Überwachung produziert hier einen kaum noch überschaubaren Informationsüberfluß - und ein trügerisch schönes Bild. Die Protagonistin aber bleibt, trotz oder gerade wegen der aufdringlich voyeuristischen Kamera, auf Abstand.
Auch Eija-Liisa Ahtila vollzieht in ihrer Videoinstallation The House (Brauerei) den Spagat zwischen Nähe und Distanz, wenn auch auf andere Art. Sie erzählt 'einfach' eine Geschichte, die unmittelbar, ohne spezielles Vorwissen zugänglich ist.
Auf der anderen Seite finden auch Positionen ihren Platz, die ebenso gut mit dem Katalogbeitrag allein auskämen. Der Preis für die coolste und ästhetisch sprödeste Arbeit geht einmal mehr an Maria Eichhorn und ihre Aktiengesellschaft (Fridericianum), entscheidend ist hier allein das Konzept. Das Spiel mit dem Verhältnis von Form und Inhalt und mit Prozessen der Übersetzung spielt Cerith Wyn Evans in Cleave 02: Ein weißer Raum, von der Decke hängt eine sich langsam drehende Discokugel, in wechselnden Intervallen von einem einzelnen weißen Spot angestrahlt. Daneben eine Topfpalme. Sehr hübsch, aber was soll das? Die wechselnden Intervalle sind nicht zufällig, sondern präzise berechnet: die Beach-Disco-Athmosphäre entsteht durch einen ins Morse-Alphabet übersetzten Text von Bataille. Auch Fiona Tan (Fridericianum) übersetzt in ein anderes Medium: Countenance zeigt ein zeitgenössisches Remake der Portrait-Enzyklopädie von August Sander. Die Übersetzung von Foto auf Videomacht die Arbeit überraschenderweise weniger monumental. Ein Monument installiert Alfredo Jaar mit Lament of the Images (Fridericianum), oder vielmehr ein Memorial für die verschwindenden Bilder, für das, was übrigbleibt, wenn die Bill Gates dieser Welt sich weiter die Rechte am globalen Bildbestand aneignen. Buchstäblich einleuchtend.
Manchmal hilft aber auch weder der Katalog noch sorgfältiges Hingucken. Also: Ein Getränk nach Wahl erhält, wer mir die Arbeit von Mark Manders (Brauerei) plausibel erklärt. Und auch für Feng Mengbos Counterstrike(?)-Adaption hätte ich gerne einen Spezialisten an meiner Seite gehabt. Ich glaube, ich habe den Künstler erschossen.
Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_18.php