Diego Maradona steht Pate für die Sónar 2002
Ob Diego Maradona damals, als er seine eine Saison für den FC Barca spielte, zur Sónar gegangen wäre, hätte sie 1982 schon stattgefunden? Höchstens doch wohl spätabends, um im VIP-Bereich nach dem einen oder anderen konsumierten Drogencocktail den großen Zampano raushängen zu lassen, ohne sich auch nur mit halbem Ohre dem Klangangebot zu widmen. Was also hat Diego Maradona auf all diesen Plakaten, Flyern, Katalogen, Programmheften, saalfüllenden Oversize-Fotos und Zettelchen zu suchen, die die diesjährige Sónar ankündigen, dekorieren und symbolisch signifizieren? Warum bekommt der Sónar-Schriftzug heuer ein kleines Fußbällchen dazugesellt, das als Logo firmiert? Weil Weltmeisterschaft ist, und das alljährlich in Barcelona stattfindende Festival für elektronische Musik ironisch darauf verweist, weil man weiß, dass die Zielgruppe sich sowieso nicht von fußballerischen Events abspenstig machen lässt? Weil Weltmeisterschaft ist, und die Festivalleitung geschnallt hat, dass der kultige Verweis auf Mainstream-Fuppes-Culture für das Publikum eine narzisstisch besetzbare Differenzerfahrung darstellt? Weil Diego einfach gerade in der Stadt war und die reichlichen Sónar-Sponsoren zuviel Geld für Promotion veranschlagt hatten, das es auszugeben galt? Oder weil eh klar ist, dass Fußball gleich Party und Musik auch gleich Party ist, dass beide also nicht auf zwei weit voneinander entfernten Planeten wohnen, sondern hübsch gemeinschaftlich on planet e Platz finden. Denn zum einen: Fußball wird bei dieser WM glücklicherweise zu Afterhour-Zeiten live übertragen, kommt der großen Techno-Bambule also nicht in die Quere. Denn zum anderen: Verbrauchte Stars, die ihrem Körper viele auf die Dauer schwer verträgliche Substanzen zugemutet haben und die diesen Körper nun als etwas zu rundlichen mit sich herumtragen, verweisen augenzwinkernd auf die kommenden Jahre, wenn dann endlich die ersten Eiszeit-DJs die 40-Jahr-Grenze überschritten haben werden. Denn zum noch anderen: Fußball hat was mit dem Aufeinandertreffen mehrerer Mannschaften in einer zwar spielerischen, aber doch konkurrenziellen Situation zu tun. Zu WM-Zeiten sind diese Mannschaften national codiert.
Das nationale Zuordnen legt auch die Sónar nahe, sind doch auf jeglichen Programmationen hinter dem Namen des jeweiligen Performers in Klammern und in Großbuchstaben Kürzel für dessen Herkunft angebracht, sodass es sich geradezu aufdrängt, während des Wartens auf den nächsten Act die Anteile, in denen die Kapitälchen auftauchen, im Überschlag zu berechnen. Eine detaillierte Aufstellung würde ich euch gerne ersparen, aber dass im Sónar-Kontext die E´s (für Espana) weniger häufig auftauchen als die ALEs (für Alemania), ist eine einfach zu tätigende Beobachtung. Dieses Verhältnis trifft - metaphorisch gesprochen und zumindest für jenes, das ich tagsüber bei meiner Eintages-Stippvisite auf dem regulären Sónar-Gelände unter die Lupe nehmen konnte - auch für das Publikum zu: eher biertrinkendes als pillenverschlingendes, eher schön-hippes als raviges Volk. Darunter massenhaft Deutsche, konsumptive und produktive.
Diese sind gekommen nach Barcelona, um drei Tage und Nächte mit und auf dem großen Festival für elektronische Musik zu verbringen, das seit mehreren Jahren immer weitgreifendere reputierliche Kreise zieht und an Größe langsam an PopKomm und MIDEM heranreicht, weil sein Name für eine wunderbare Grätsch-Schritt-Politik steht, die große Namen neben Präsentationen kleinerer, noch unbekannter Labels und Acts unter einen Hut zu bringen gedenkt. Die geschmäcklerischen Elektronik-Nerds, die Flanier- und Modeherzeige-Snobs sowie die kleinen Raver strömen. Die Stadt hat längst erkannt, dass jedes Jahr Mitte Juni das Geld der Twens fließt. Die Hostels sind ausgebucht. Die Plattenläden machen einen dickeren Umsatz als im Weihnachtsgeschäft. Die Clubs der Stadt hüpfen auf den Zug auf und versuchen mit gegenseitig sich übertreffenden Megalomanie-Bookings das Surplus an ausgehfreudigem Menschenmaterial mitabzuschöpfen und konstruieren fix eine eigene Woche der Monsterparty: Beispielsweise genannt "Versus 2002".
Es schwirrt einem der Kopf. Um eine derartige Ansammlung von Elektro-Promis zusammenzubekommen, müsste man in Hamburg mindestens zwei Jahre zu allem hinlatschen, was sich zwischen Phonodrom, Pudel und Tanzhalle so ereignet. Die Qual der Wahl ist groß, die Entscheidung wird eher nach dem Kriterium "Wo treffe ich die meisten mir bekannten Fressen" bzw. "Wo treffe ich die meisten mir halbbekannten, durch intensiviertes Socialising noch zu erschließenden Fressen" als aufgrund der Überlegung "Was ist mir neu und unbekannt" gefällt. So stoßen Kölner auf Frankfurter, Hamburger auf Ex-Hamburger Berliner, und die Münchner bleiben unter sich. Man feiert sich in bester Auswärtsspiel-Manier, die räumliche Distanz zur heimatlichen Szene und das mediterrane Flair der Stadt lassen alles in noch gleißenderem Sonnenlicht aufstrahlen. Das Auswärtsspiel als solches ist für die meisten der global players unter den DJs und sonstigen Musikern sicher nichts zündend Neues, aber die Menge der unter einander bekannten Beobachter der Partie verhilft zum Kick. Die Menschen der elektronischen Musik kultivieren Barcelona und die Sónar, um aus ihrem Köln-Berlin-München-Hamburg-Geprökel herauszutreten und den überlebenswichtigen Glamour und das noch viel wichtigere Sich-symbolisches-Kapital-Zugeschiebe im Fern-von-der-Heimat als Künstlerkollektivkörper so richtig zelebrieren zu können.
Zur Illustration sei mein Sónar-und-Drumrum-Programm umrissen, das ich in bester Teilnehmende-Beobachterin-Manier absolviert habe: Am Donnerstag abend wird kurz ein Besuch im Sónarclub angedacht, wo die Pet Shop Boys als Apotheose des "in the beginning there was Pop" erscheinen und man dazu Auflegemenschen von B-Pitch Control, allen voran Ellen Allien, hätte genießen können. Die Entscheidung fällt jedoch für den Besuch einer Bar, in der die Gebrüder Teichmann 15 Minuten Musik machen, bis die Nachbarn die Polizei vorbeischicken, und man sich ins "Loft" verdrückt, wo ein Female Pressure-Abend mit Acid Maria und Electric Indigo mäßige Party-Erfolge feiert. Der Freitag wird tagsüber auf dem "Sónar Día"-Gelände verbracht, hektisch zwischen Donna Regina, Francois Kevorkian und einem Gemeinschaftsauftritt von Pan Sonic und Peaches hin- und herwatschelnd, ansonsten unter der Hitze leidend und unter Sonnenschirmwäldern kommerzieller Getränkeanbieter der Sonne und unangebracht früh am Tage über das Gelände schallenden Breakbeats ausweichend. Fortgesetzt wird der Abend im "Nitsa Club", wo die große Kompakt-Nacht gefeiert wird. Und alle sind sie da: der Michael und der Tobi, der Superpitchi und die Gesine, die Jungs von Closer Musik und als freundliche Unterstützung der Puma und die Mo vom Electric Music Department aus Berlin. Ganz gerne verpasst wird an diesem Abend der Cocoon Showcase im "Loft" mit dem omnipräsenten Ricardo Villalobos und Frank Lorber, dem Urgestein. Der Sven Väth selbst muss im Open Air-Baggerinstitut "La Terrazza" ran, vereint sich aber zu späterer Stunde mit seinen und anderen Mannen im eigens von ihm angemieteten Hard Rock Café zum Fußball-Event: Zur Partie Deutschland - Kamerun versammelt sich die deutsche DJ-Bohème in ihrer monströsen und immer wieder zu betonenden Durchgefeiertheit vor dem Bildschirm, wo man sich in gesteigertem nationalen Genießen suhlt. Afterhour in zynisch doppelter Gebrochenheit: Man gönnt sich, legitimiert durch Rausch und Außer-Landes-Sein, ein zweifaches "back to the roots": Technofuzzis im ehrwürdigen Wallhall der Gitarrenmucker, Underground in schöner konsumptiver Eintracht mit dem Overground vor der Glotze. Die Differenzkultur macht sich selber lächerlich und initiiert einen nur noch im eigenen Imaginären "anderen" Ballermann, während das spanische Fernsehen peinliche Bilder von grölenden Schwarz-Rot-Goldenen vor Sangria-Kesseln aus El Arenal sendet.
Am Samstag abend dann wird wieder auf das Sónar-Programm verzichtet, das mit Raveaction von seiten derer Jeff Mills, Richie Hawtin und Carl Cox die sehr jugendlichen Massen lockt. Wir, immerhin schon seit einigem Wochen dem hanseatischen Heimatboden entrissen, folgen dem Ruf in den "Nitsa Club" zur "Fiesta Ladomat", die aber mit Mense Reents`aufgebendem DAT-Spieler und einem exaltiert schreienden Michel Grinser auch nicht befriedigt, so dass weiters im "Moog" und bei Barbara Preisinger Seelenfrieden gesucht wird. Ob er nicht doch eher im "Loft" bei "Gigolo Showcase" hätte gefunden werden können, in den spritzigen Champagner-Dusch-Gewittern von Hell und Konsorten? Die Frage stellt sich nicht.
Wer weiß, vielleicht ist mir die wahre Avantgarde durch die Lappen gegangen, vielleicht hätte ich bereiter sein müssen, dreimal Eintritt für die Tagsüber-Sónar zu bezahlen, vielleicht hätte ich mir die Helsinki-Kunstausstellung auf dem Festival-Gelände anschauen sollen, vielleicht hätte ich das herrlich klimatisierte Sónar-Kino extensiver nutzen sollen und mir mehr Momente des monadischen, dunklen, nicht mehr Sehen-und-Gesehen-Werden-Genießens freischaufeln sollen. So aber kann ich mich nur bei Super Collider bedanken, die mit ihrem Auftritt den musikalisch schlichtweg stichhaltigsten Grund geliefert haben, sich in diesen crazy Tagen des kollektiven Überdrusses und der solidarischen Euphorie in Barcelona aufzuhalten.
Apropos Euphorie und Überdruss: Wusstet ihr, dass Diego Maradona am rechten Oberarm ein Che-Tattoo und am linken Unterschenkel ein Fidel-Tattoo trägt? In dieser Hinsicht hat die Sónar also doch noch aufklärerische Dienste geleistet.
hi kirsten,
gut, daß ich vorgewarnt / von deinem artikel gut vorbereitet war! sonst hätte mich der permanente diego-maradonna-videoloop beim hamburger mini-sonar (sonarsound, am 10.8. auf kampnagel) vermutlich schwer irritiert. so konnte ich die slow-motion kopfballtricks einfach als leicht psychedelisches gimmick mitnehmen und eher über anderes nachdenken: warum die anbindung ans schleswig-holstein musik festival? um wessen distinktionsgewinn geht es da? oder doch um zielgruppencrossing? vielleicht waren die typischen shmf-besucherInnen ja am nachmittag da, oder ich habe ein falsches bild von typischen shmf-besucherInnen? wie auch immer, diese art von musik im sitzen zu rezipieren ist normalerweise eine total blöde idee, und "bestuhlt" sowieso eins der häßlichsten worte ever. andererseits gewinnt so der performanceaspekt mehr bedeutung, und das hat sich z.b. im fall von super_collider absolut gelohnt. super_spacken! ist diese mischung aus nerdigkeit, diventum, coolness und kindergarten tatsächlich ein reines jungsphänomen? scheint mir so zu sein; hello again für das gute alte weniger-optionen-lamento... zeit für crossgenderspacking.
gruß + hoffentlich bis bald mal
karin