Manifesta 4

Karin Prätorius, 18.06.02

Die Kritiken zur gerade in Frankfurt/Main stattfindenden Europäischen Biennale zeitgenössischer Kunst, Manifesta 4, sind überwiegend schlecht. Viele davon auch buchstäblich: Insbesondere die Urteile "langweilig" und "nichts Neues" sind so billig und risikolos, daß sich das Hinschreiben nicht lohnt. Zugegeben, die Manifesta bietet wenig Anlaß zu großer Begeisterung - aber auch keinen für pauschal-bashing.
Die Kuratorinnen Iara Boubnova, Stéphanie Moisdon Trembley und Nuria Enguita Mayo haben Transparenz zu ihrem Motto erhoben und darauf verzichtet, die subjektive Auswahl der 80 teilnehmenden KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen durch eine generalisierende thematische Klammer zumindest im Nachhinein zu legitimieren. Das Archiv mit den Recherchematerialien zu Hunderten von Künstlerinnen wird im Kunstverein ausgestellt, und auch wenn das schmucke Display eher Betrachten als Benutzen impliziert - transparent wird so zumindest ein Teil der kuratorischen Arbeit, allerdings natürlich nicht die Auswahlprozesse selbst.

Das kann man unentschlossen und unbefriedigend finden, oder eben besser als pompöse, nichteingelöste Theoriekulissen. Es eröffnet zumindest die Chance, die einzelnen Arbeiten relativ filterlos anzusehen, zumal die meisten teilnehmenden KünstlerInnen, viele aus Osteuropa, noch nicht mal in die Kategorie "schon mal irgendwo gehört" fallen. Vielleicht ist das auch ein Grund für die wenig wohlwollende veröffentlichte Rezeption: die "Professionellen" haben hier relativ wenig Informationsvorsprung vor dem "normalen" Publikum. Die Manifesta bietet alle Features moderner Großausstellungen: Einen Katalog, zu dem man sich - nettes Gimmick - als Supplement die aktuellen Photos der gezeigten Arbeiten schicken lassen kann, zum Selbereinkleben; Videoarbeiten zu nachtschlafender Zeit im regionalen Fernsehen, über die Stadt verteilte Infoscreens, eine Vortragsreihe, einen "open space" mit Performances, Bücherecke und Rechnern für die Netzprojekte (www.e-manifesta.org).

Im Portikus, Städel, Kunstverein, Frankensteiner Hof und im Außenbereich der Schirn Kunsthalle zu sehen sind einige formal und/oder inhaltlich interessante Arbeiten und auch einiges, was eher als Wechselausstellung ins Foyer der Bibliothek einer niedersächsischen Uni passen würde, einige Arbeiten, die sich direkt erschließen und andere, die man ohne zusätzliche Infos beim besten Willen nicht verstehen kann. In jedem Fall angenehm ist die geringe Zahl kleinteilig-privatistischer Bastelinstallationen, die noch vor zwei Jahren in Ljubljana so hip waren. Sollte das ein Zeichen dafür sein, daß die Zeiten des Jonathan-Meese-Epigonentums zu Ende gehen, wäre das allemal eine gute Nachricht. Stattdessen befassen sich mehrere Arbeiten mit der Ökonomie des Kunstfeldes, nicht zuletzt auch Christoph Büchel, der bekannt werden dürfte als "der, der seine Einladung zur Manifesta-Teilnahme bei e-bay versteigert hat". Büchel gewinnt mit dieser Aktion einen Sack voll Publicity und die 15.000 $, für die Sal Randolph die Teilnahme schließlich ersteigert haben soll.

Letztere, Künstlerin/ Kuratorin aus New York, kriegt auch noch etwas von der Publicity ab - und wahrscheinlich demnächst häufiger die Frage gestellt, wo sie das Geld hergenommen hat. Ihr Projekt ist eine Ausstellung in der Ausstellung, wiederum mit überwiegend unbekannten KünstlerInnen, ein kuratorisches U-Boot, unter dem Label "free manifesta". Aber auch die Manifesta gewinnt Einiges: eine Bestätigung ihrer Bedeutung. Büchels Geste kann nur im Rahmen einer etablierten Institution funktionieren: Aus der Meldung "Künstler versteigert seine Einladung zum zweiten Dahlenburger Skulpturengarten" läßt sich keine Erzählung machen - und auch kein Geld. Hier wendet sich der subversive Gestus ins Affirmative: Die Manifesta ist zu einer Institution geworden, die kritische Gesten problemlos integrieren und damit ihr eigenes Profil schärfen kann. Das Projekt "free manifesta" ist keineswegs uninteressant (www.freemanifesta.org). Büchels Arbeit aber hätte mehr Sprengkraft entwickeln können, wenn jemand tatsächlich dafür bezahlt hätte, seine eigenen - vielleicht nur mäßig interessanten - Arbeiten auszustellen.

Wie gesagt, nichts wirklich Aufregendes. Die Manifesta ist (spätestens) in ihrer vierten Auflage ein etabliertes Label, das jungen KünstlerInnen ein großes, internationales Publikum und dem jeweiligen Austragungsort Eigenwerbung als "Kunststadt" verspricht. Daß die Kuratorinnen die Macht dieses Labels nutzen und sich vorrangig um ersteres kümmern, statt auf die sicheren - und werbeträchtigen - "üblichen Verdächtigen" zu setzen, ist ihnen hoch anzurechnen.

Manifesta 4, vom 24.5. - 25.8.2002 in Frankfurt am Main, verschiedene Locations www.manifesta.org, Eintritt 8 / 4 €, Katalog 20 €, Shortguide 5 €
http://www.e-manifesta.org
http://www.freemanifesta.org

Quelle: http://www.glizz.net/artikel/artikel_15.php