Wodka-Honig auf Itland

von Nils Dittbrenner, 19.09.01
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Darts mit lebenden Moskitos, Hovercraft fahrende DJs, eine Wohnung samt Jukebox und phantasievoller Bepflanzung, darin ein Kühlschrank mit lebendem Inhalt und daraus resultierenden verwirrenden Kochduellen, Horden kleiner fraggleähnlicher Wesen, die emsig eine imaginäre Insel bebauen. Mittendrin der Spieler als Hauptfigur in einem abgefahrenen Adventure, online und umsonst — wie bitte? Bitte: www.banja.com.

Banja ist ein einsteiger- und nervenfreundliches Spiel in knuddeliger 2,5D-Comicgrafik und erstaunlich erträglicher Musik, das komplett in Flash programmiert wurde und komplett online gespielt wird.

Man steuert in gewohnter Point&Click-Manier die kleine Rastamann-Hauptfigur namens Banja über die Insel Itland, immer gewillt und bereit, gute Taten zu vollbringen. Diese werden mit sogenannten Yespapas belohnt, deren viele zu sammeln man als Spielziel umreißen kann. Möglichkeiten, gute Taten zu vollbringen, sind - das ist nichts Neues bei Adventures - zuhauf vorhanden. Neben den Yespapas laden zahlreiche clever designte und funky präsentierte Minigames zum Verweilen ein. Also fix Nickname und Paßwortpflanze (Form, Farbe und Nummer von Banjas Zimmerpflanze sind als Paßwort wählbar) ausgesucht und rein ins Spielvergnügen.

Da das Spiel komplett in Flash programmiert ist, kann der Augenblick vom Einloggen bis zum Losspielen je nach verfügbarer Bandbreite und aktuellem traffic von einigen Sekunden bis hin zur berühmt berüchtigten Kaffeeholpause dauern. Diese Zeit kann man sich jedoch nach einem schickem Intro mit einem Blick in die Banja-Chronik vertreiben, in der für Neueinsteiger the story so far und der aktuelle Stand des Games einsehbar sind.

Banja läuft seit Anfang des Jahres und wird das Jahr 2001 über ständig upgedatet. Das Spiel ist in 12 Episoden aufgeteilt - das macht für jeden Monat eine (aktuell befindet sich das Game aber noch in der neunten). Ab und an gibt es fest determinierte Events, z.B. ein Konzert der Flash-Doppelgänger von Manu Chao oder LKJ am Strand oder die Geburtstagsparty einer der Inselbewohner, für die man - um sie nicht zu verpassen - an einem bestimmten Datum spielen muß.

Jeder Spieler erlebt aber im Endeffekt (s)eine Singleplayer-Geschichte - eine Tatsache, die bei mir für etwas Stirnrunzeln gesorgt hat, gemessen daran, daß es sich um ein Online-Spiel handelt und man in dem Genre opulente Multiplayerfunktionen erwartet.

Banja-Teamchef Stéphane Logier meint dazu im Gespräch, daß außer einem nett designten Chat Multiplayerfunktionen schwierig implementierbar gewesen seien. Technisch stieß man mit Flash sehr bald auf einige Hürden (ach!), außerdem war das Gameplay von vorneherein als (Singleplayer-)Adventure konzipiert.

Retrospektiv seien gewisse denkbare Features (z.B. InGame-Kommunikation oder Itemtausch unter den Spielern) aber auch schlicht nicht nötig gewesen: in Frankreich, dem Mutterland des Games spielen über 90 000 User regelmäßig, organisieren Parties (sogenannte Banjapéros) und treffen sich auf diesen u.a. zum geselligen Wodka-Honig-Schlürfen (dem Nationalgetränk Itlands). Wer braucht bei soviel Community noch Multiplayerfunktionen?

Das Programmierteam team chman aus Lille (im Portfolio befindet sich u.a. das Spieleportal der France Telecom www.goa.com) ist seit dem Launch kräftig gewachsen und hat - sonst hätte von dem Spiel im deutschsprachigen Teil Europas wohl kaum jemand etwas mitbekommen - auf der diesjährigen ars electronica im Bereich NetVisions für Banja eine goldene Nica verliehen bekommen.

Eine zweite Folge in Echtzeit-3D ist ebenso geplant wie eine Konsolenversion; Launches in Japan, Korea und in Deutschland stehen bevor.

Zum deutschen Launch war zu erfahren, daß man sich in Verhandlungen mit einem deutschen ISP (Internet Service Provider) befinde, der das Game nach abgeschlossener Marktforschung eventuell in seinen Leistungskatalog aufnehmen möchte. Bis es soweit ist, kann man das Game aber auch getrost in einer der anderen fünf Sprachen spielen, da außer der Spieleinführung, der Chronik und den Hilfetexten alle im Spiel selbst stattfindenden Dialoge durch ein cleveres Zeichensprachsystem dargestellt werden; mit grob designten Strichmännchen, die die Haupt- und Nebencharaktere darstellen, sowie durch Pfeile und andere Icons werden in poppigen Sprechblasen Anweisungen gegeben, was genau oder noch dazu zu tun ist.

Zahlreiche Nebencharaktere, eine mit der Zeit ziemlich schräg werdende Story, die konstant exzellent bleibende Grafik (immerhin in drei Detailstufen, damit auch Schmalbandsurfer auf ihre Kosten kommen), ein gutes Gameplay mit durchdachtem Interface und zahlreichen lustigen Settingchanges runden den streßfreien Gesamteindruck ab: Banja stellt mit seinem Umfang und der technischen Perfektion ein einzigartiges Online-Projekt dar. Reinschauen lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur für diejenigen, denen Online-Spiele bisher zu rasant, zu blutrünstig, zu schnell oder zu fordernd waren. Adventure-Freaks sollten eh ein Auge drauf werfen, denn selten gab's soviel Gameplay für lau.

 

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